Das Haus und die Chronistin

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Wenn diese Ziegel erzählen könnten, würden Sie von der Frau berichten, die in diesen Mauern auf zwanzig Quadratmetern zusammen mit ihrer Familie – ihrem Mann und ihrer Tochter – über vierzig Jahre gelebt hatte. Sie erzählte mir, es wären glückliche Zeiten gewesen. Sie hatte keinen Gas- und Wasseranschluss in der Wohnung und die Toilette befand sich am Gang. Ich traf sie an der Bassena, wenn sie Wasser holte. Dazu benützte sie einen dieser alten Emailkübel, weiß mit blauem Rand und Holzgriff  zum besseren Tragen. Er wies schon Rostflecke auf, tat aber noch seinen Dienst.

Sie war klein und dünn, vom Alter und dem Schleppen schwerer Lasten gebeugt, die Osteoporose hatte ihren Beitrag dazu geleistet. Die zwei schlauchartigen Kabinette waren altmodisch und bescheiden eingerichtet, die Steckdosen nicht geerdet. Eines der Zimmer ging zum Hof hinaus, Richtung Süden, war hell und einladend, das andere führte zur befahrenen Straße. Die alten Straßenbahnen donnerten vorbei und ließen das ganze Haus erbeben. Wie sie dort schlafen konnte, blieb mir ein Rätsel, aber sie war in die Veränderungen der Zeit langsam hineingewachsen und hörte bereits schlecht. So hat jeder Nachteil doch irgendwo einen Vorteil, man muss ihn nur manchmal wie gut versteckte Ostereier suchen.

Frau Huber, das war ihr Name, strahlte dennoch jeden Tag. Sie grüßte mich freundlich, wir sprachen miteinander und sie erzählte aus ihrem Leben in diesem Haus. Ihr Mann war bereits gestorben und ihre Tochter ausgezogen, diese sei glücklich verheiratet, hätte schon eigene Enkel. Ich lernte sie kennen, sie war unverkennbar die Tochter, eine jüngere Ausgabe ihrer Mutter. Aber die stille Glückseligkeit, die von Frau Huber ausging, die hatte sie nicht an sich. Die Zeiten hatten sich bereits verändert. Dabei waren es noch immer verhältnismäßig ruhig dahinplätschernde Tage, ohne Internet und Mobiltelefone.

Sie wollte sich nicht helfen lassen, sie schleppte die vollen Kübel selbst, das war ihr schlichter Stolz. Ich sehe nicht mehr die Details ihres Gesichts vor mir, auch nur mehr Schemen ihrer Gestalt, aber das freundliche Leuchten ihrer Augen und die stille Zufriedenheit auf ihrem Gesicht vergesse ich nicht. Sie liebte ihr Zuhause, sie liebte ihr ganzes Dasein, obwohl sie viel Schmerz erlebt hatte. Das mag pathetisch klingen und so, als würde ich ein nicht dagewesenes Idyll heraufbeschwören wollen. Dennoch war es so, warum sollte ich nicht darüber schreiben?

Dann kamen die Tage, als ich sie nicht mehr an der Bassena traf. Sie wurde bettlägrig. Sie lag in ihrem schmalen Bett in dem nördlichen Zimmer, zusammengeschrumpft und zerbrechlich wie ein Vogel im Winter, der kein Futter findet. Die Glückseligkeit und die Zufriedenheit blieben ihr.

Ich vermute, sie blieben ihr, bis sie starb. Eines Tages kam ich heim und sie war ins Krankenhaus gebracht worden von ihrer Tochter – die sie täglich besucht hatte, um sie zu versorgen.

Eines anderen Tages vernahm ich die Kunde, sie sei verstorben.

Die zwei Kabinette wurden ausgeräumt und standen jahrzehntelang leer. Nein, nicht leer. Sie wurden vom Hausherrn als Abstellräume benutzt. Die Bassena wurde irgendwann entfernt, Frau Huber war die einzige gewesen, die sie noch benutzt hatte. Die anderen Mieter warfen lediglich ihre Zigarettenkippen und anderen Müll hinein. Sie verstanden offensichtlich nicht den eigentliche Zweck einer solchen Vorrichtung. Zumindest zeigten sie keinen Respekt, wie mir schien. Es war eine schöne alte Bassena gewesen, mir war es leid um sie.

An Frau Huber denke ich noch heute. Sie hatte mich in diesem Haus willkommen geheißen, sie liebte es. Sie war Teil davon geworden.

Die Ziegel werden wieder verdeckt werden von Mörtel und Farbe, die Zimmer verschiedenen Wohnungen zugeteilt. Neue Mieter ziehen ein, die nichts wissen von Frau Huber. Ob sie mir Gelegenheit geben, von ihr zu berichten, wird es von Interesse für sie sein, wer da vor ihnen lebte? Nachbarn kann man sich bekanntlich nicht aussuchen, aber ich bin zuversichtlich.

Ich habe ja das Gefühl, das Haus wählt sich seine Mieter selbst … und noch stehen die Räume eine ganze Weile leer.

 

 

 

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