Gehen, Sehen … (13)

    Fragt ein Bison sich, wohin seine Wanderschaft ihn führt? Er geht. Darauf kommt’s wohl an. Er folgt dem, was er vor sich findet. Er bleibt nie, um eine Weide völlig abzugrasen. Das Gras hinter ihm richtet sich wieder auf, die Erde ist gepflügt von seinen Hufen. Vor ihm liegt aller Reichtum den er…

Gehen, Sehen …. (12)

  Wie erstes Herbstlaub wirbelten die Mütter mit den Kindern an ihren Händen über die Mariahilferstraße. Was würde geschehen, wenn sie sie losließen, später einmal? In welche Welt würden sie geschickt, entlassen, freigesetzt? Ich wünsche jedem Kind, einen, zumindest einen Menschen zu haben, der es einfach liebt. Oder Menschen, die in der Lage sind, Liebe…

Gehen, Sehen … (11)

Sie verabschiedeten sich, vereinbarten, wann sie sich wiedersehen würden. Dann wanderte sie in der Mittagshitze einmal mehr durchs Ungargassenland. Auch um diese Uhrzeit waren alle Straßen so gut wie menschenleer. Das lag wohl nicht nur an den Temperaturen oder daran, dass es sich um einen frühen Samstag Nachmittag handelte. Sie strich durch Seitengassen. Augustsommerhitzenstimmung. Es…

Gehen, Sehen … (10)

Es war Samstag Morgen, als sie zu dem Treffen ging. Noch nicht allzu viele Menschen unterwegs. Der Tag versprach so richtig heiß zu werden. Das Sonnenlicht reflektierte sich in den Fensterscheiben und warf silberne Flecke auf gegenüber liegende Häuserfronten. Hin und wieder tuckerte ein Auto friedlich vor sich hin. Sie liebte die frühen Morgenstunden. Die…

Gehen, Sehen … (7)

Obdachlos im Sommer … sie fragte sich, wieviele warme Tage und Nächte es dieses Jahr noch geben würde. Es gab Menschen, die konnten nicht in Wohnungen leben. Die hielten es auch im Winter nicht in geschlossenen Räumen aus, riskierten lieber zu erfrieren, als irgendwo scheinbar eingemauert zu sein. Es gab Menschen, die wollten sich nicht…

Gehen, sehen … (6)

  Etwas veränderte sich, merkte sie. Nein, es befand sich bereits seit längerem in Veränderung. Es begann sich zu verfestigen, zu manifestieren, zu offenbaren. Überall. Es war nichts Privates mehr. Nichts Persönliches. Es hatte immer alle betroffen, aber nun begann es sich auch dort zu zeigen, wo scheinbare Inseln der Glückseligkeit im Ozean der privaten…

Gehen, Sehen … (5)

Nein, sie würde nicht zur Philadelphia-Brücke gehen, sondern den Weg über die Tivoli-Gasse nehmen, in Richtung Schönbrunn. Sie ging an den Gassen, in denen sie zur Schule gegangen war, den Wohnungen ihrer Freundinnen und Freunde vorbei, die hier ebenfalls schon längst nicht mehr lebten. Sie konnte aber immer noch ihr Lachen hören. Ihr Weinen. Die…