Über die Liebe zur Welt …

Der Sommer war vorübergezogen, ehe sie es merkte. So sehr lebte sie im Augenblick. Da tat es keinen Abbruch, wenn es regnete oder schneite. Was es gerade nicht tat, schneien. Aber es regnete. Und es war kalt geworden, plötzlich. Wie eine Eidechse auf einem Fels erstarrte sie. Das Blut gefror ihr, sozusagen. War sie kaltblütig? Fragte sie sich, als sie so saß und schaute, weil sie grad nicht mochte, ein Glied zu rühren.

Sie verneinte lächelnd diese dumme Frage. Sie war alles mögliche, aber kaltblütig nicht. Eher meinte „man“ das Gegenteil davon. Ja, ja, das Meinen.

Sie schüttelte die vorwinterliche erste Kälteerstarrung ab wie ein Hund sich beutelt, wenn er aus dem Wasser kommt. Nein, es flogen keine Eiszapfen wie Pfeilspitzen durch die Luft. Gar nichts flog, außer vielleicht ihre Seele, wenn man das so sehen wollte.  Die war weich und rund, wenn überhaupt irgendwas. Plastisch, anschmiegsam, kräuselnd im Wind wie aufsteigender Rauch. Nichts davon wirklich, alles lediglich Metaphern in Ermangelung echter Begriffe dafür.

Die Seele bedurfte keines Rückgrats. Die Verkörperung der Seele allerdings schon. Da war dieses Ding wichtig, auch das viel beweglicher und weniger starr, als manche meinen. Weiden biegen sich im Wind und verlieren nicht an Glaubwürdigkeit. Weiden, allerdings, waren einfach nur. Sie vertraten keine Meinung und verspürten keine Regung, aus einer Eichel eine der ihren zu machen. Die sagten nicht: „Ich, meine kleine, ziemlich dumme und hilfelose Eichel, spreche für dich, da du es selbst nicht vermagst. Und anstatt dich zu lehren, wie man mutig wird, halte ich dich klein, damit ich dich besser formen kann.“

Die Eichel würde einfach Wurzel schlagen, wenn sie Halt im Boden fände und würde sich einen Teufel scheren, was eine Weide spräche.

Nur manche Menschen ließen sich so fein manipulieren. Die wenigsten von ihnen merkten, dass sie getrieben wurden wie eine Schäfchenherde, oder eher wie Lemminge, die auf einen Abgrund zusteuerten.

Die Erde drehte sich indessen weiter. Die Sonne ging auf und sie ging auch wieder unter, der Sommer kam und ging. Erde, Sonne und Sterne hatten all diese Menschendinge so oft gesehen, sie maßen ihnen keine allzu große Bedeutung zu, waren sie nichts als Erscheinungen in einer ausgedachten Zeit. Es gab, so das Sagen unter Menschen, nicht genug für alle.

Sie war gespannt, wie die Aufteilung dessen, was nicht genug für alle war, sich weiter vollziehen würde. Vermutlich nicht anders als seit jeher. Die Verhältnisse würden sich nicht ändern, solange auch viele jener, welche nichts hatten, sich das wünschten, was wenige andere im geradezu obszönen Ausmaß ihr eigen nannten, als wäre es deren Geburtsrecht, göttlich verbrieft und per Notar beglaubigt. Man könnte ja „Glück“ haben, etwa in Form eines Lotto-Sechsers oder einer wunderbaren Erbschaft, dann wollte man schließlich auch das Leben genießen wie die Könige und Königinnen, nicht wahr?

Was Glückseligkeit war, verschwand wieder im Nebulosen. Aber sie existierte, wirklich. Sorgte tatsächlich für ein Gleichgewicht. Denn sonst, und daran glaubte sie so ziemlich fest, wäre die Welt schon längst beim Teufel. Das war sie noch nicht. Ganz. Noch, noch war sie Spielball. Es waren nicht „Gott“ auf der einen und der „Teufel“ auf der anderen Seite, die spielten. Es waren: natürlich die Menschen selbst. Jeder hielt dann und wann den Ball in Händen. Den kostenbaren, kostbaren Ball: die menschliche Welt. Wem würde sie ihn zuspielen? Wollen? Sie konnte ja nicht wissen, was geschähe, wenn sie ihn losließe im Wurf zu einem Mitspieler – würde er ihn fallen lassen, besser halten, weiter schicken?

Letztendlich, dachte sie während eines besonders tiefen Atemzugs, musste sie einfach nur vertrauen. Auf ihren eigenen Mut, wenn es denn darauf ankäme, auf den der anderen, und auf eine wunderbare Fähigkeit der Menschen: dem Mitgefühl.

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Amor mundi.

 

 

 

9 Kommentare Gib deinen ab

  1. Ulli sagt:

    Ich mag es sehr Vertrauen und Zuversicht zu nähren, gegen den mainstream…
    ich wünsche dir eine bunte Woche,
    herzlichst
    Ulli

    1. Dank dir! Oh, sie fing tatsächlich ziemlich bunt an :o) …. dir auch. liebe Ulli! Herzlich, Silvia

  2. Thank you, Ron, comments like that encourage at least me to keep on trusting in love and compassion for each other in this world, which really, really belongs to us all, not just a handfull few. Or, rather: it’s US who belong to the world.

  3. This is a brilliant bit of light in my day. If we have the courage to trust in compassion, trust in our ability to love one another, trust that love and compassion are enough, they are all we need to feel for each other to make things come out alright.

  4. Klasse! Ich bin auch gespannt, „wie die Aufteilung dessen, was nicht genug für alle war, sich weiter vollziehen würde“.
    Sich bescheiden und teilen, wäre mal was neues.
    Liebe Grüße.

    1. Bin da ganz bei dir! Ob wir das noch erleben werden? Das Neue? Ich geb‘ die Hoffnung nicht auf. Auch dir liebe Grüße!

      1. Siehste :o) ! Es gibt Grund genug, zu vertrauen :o) !

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