Die Schuld / The Debt

Please find English version below. 

Bild und Text © Silvia Springer

Wir waren so traumatisiert von der scheinbaren Lieblosigkeit, die wir durch unsere Eltern und Großeltern erfuhren oder zu erfahren meinten, dass wir besessen versuchten, die ebenso scheinbare Vernachlässigung unserer wahren kindlichen Bedürfnisse zu kompensieren, indem wir unsere eigenen Kinder mit Liebe – oder dem, was wir davon hielten – überhäuften in Form von Dingen und Möglichkeiten, die wir für uns selbst gewünscht hatten: wir wollten, dass es unseren Kindern besser ging.

Es fiel uns nicht auf, dass dies derselbe Beweggrund war, der uns noch aus den Mündern unserer Väter und Mütter in den Ohren klang. Der einzige Unterschied zwischen ihnen und uns war, dass sie aus einem Mangel kamen, Kriege und wirtschaftliche Not kannten, am eigenen Leib erlebten, wirklich Hunger verspürten und Angst vor Gewalt aus der Luft oder vom Boden, in Form von Repressalien, die so wirklich waren wie das Blut, das durch ihre Adern floss. Wie Existenzängste damals wirkten und sich anfühlten, darüber wussten wir nichts.

Wir dachten, sie seien herzlos, spießig, fantasielos, und zu einem großen Teil waren sie das vermutlich auch, wie jede Generation ihre Liebenden und das Gegenteil davon enthielt. Das Leben ist nie nur Schwarz oder Weiß, darum gab es Regenbögen, die sich – vor allem in der Zeit vor dem Untergang – über unsere Städte spannten, als wären sie Symbole, geschickt von Engeln, die uns daran erinnern sollten, uns in unseren Urteilen zu mäßigen.

Wir dachten, zu lieben bedeute, unseren Kindern alles zu geben, was sie sich wünschten. Es war möglich geworden, es ging uns gut, wir verwechselten diese Überfülle mit Glück. Merkten nicht, dass wir mehr unsere eigenen Wünsche erfüllten als wirklich zu erforschen, was unsere Kinder wollten: wir kannten sie, wussten, was für sie gut war. Kamen Zweifel auf, suchten wir Spezialisten auf. Es gab für alles einen Plan.

Und dann: erlebten wir, dass sich das, was wir für wahr und richtig hielten, uns täglich und unwiederbringlich entzog, entschwand, sich in Luft aufzulösen schien, Chaos sich breit machte, wo wir uns in Sicherheit wähnten. Wir waren verstört. Entsetzt. Verloren zuerst das Vertrauen und später jede Hoffnung, fielen vom Elfenbeinturm, den wir uns erbaut hatten, in den verwilderten und sehr dornigen Garten der Wirklichkeit.

Was wir nicht mehr wussten, weil wir ja Vertrauen und Hoffnung verloren hatten, war, dass es sich lediglich um eine Umbruchsphase handelte, die ebenso wie die Zeiten der Glückseligkeit nicht ewig andauerte, damit unsere Seelen wachsen konnten: ja, unsere Seelen, die sollten wachsen, nicht so sehr unsere erblühenden und verwelkenden Körper, die lediglich – und das nicht im schlechtesten, sondern im allerbesten Sinne – das Fahrzeug auf Erden war, der eine treue Begleiter auf der jeweiligen Reise, der uns nie verriet, selbst wenn wir dies manchmal glaubten, vor allem, wenn er nachließ in Kraft und Saft.

Das wussten wir also nicht. Wir dachten, wir müssten uns für die eine oder die andere Seite entscheiden. Was manchmal stimmte, aber oft eben auch nicht, weil Wahrheit so viele Gesichter trägt wie es Dinge und Lebewesen auf Erden gab und geben wird. Was uns allerdings mangelte, war Urteils- bzw. Unterscheidungsvermögen. Eigenes, nicht das von anderen. Damit wäre viel von dem, was folgen würde, nicht eingetreten, hätten wir  auf unser eigenes Vermögen zu erkennen, was grad vor uns lag und so und vielleicht ganz anders war, eher vertraut, als die Verantwortung und damit die Angst vor Fehlern an andere, scheinbar … was? Klügere? Mächtigere, Gewissenlosere? abzugeben. Aber wir gaben die Verantwortung ab, blind dafür, dass am Ende die Rechnung dafür zu zahlen war. Man glaubte, ein Schnäppchen zu machen, ohne zu erkennen, dass der Preis unbezahlbar war, sich damit mit Schuld belud, die abzuzahlen wäre, so, wie wir die Schulden unserer Ahnen und Ahninnen abzahlten …

Es war Zeit, den Kreis zu verlassen. Und deshalb geschah, was dann geschah.

***

We were so traumatized by the apparent lack of love we experienced or thought we were experiencing from our parents and grandparents that we obsessively tried to compensate for the equally apparent neglect of our true childhood needs by showering our own children with love—or what we thought was love—in the form of things and opportunities we had wanted for ourselves: we wanted our children to have a better life.

We didn’t notice that this was the same motivation that we had heard from our fathers and mothers. The only difference between them and us was that they came from a place of deprivation, knew war and economic hardship, experienced firsthand what it was like to feel real hunger and fear of violence from the air or the ground, in the form of reprisals that were as real as the blood flowing through their veins. We knew nothing about what existential fears felt like back then.

We thought they were heartless, narrow-minded, unimaginative, and to a large extent they probably were, just as every generation has its lovers and its opposites. Life is never just black or white, which is why there were rainbows stretching across our cities, especially in the time before the downfall, as if they were symbols sent by angels to remind us to moderate our judgments.

We thought that loving meant giving our children everything they wanted. It had become possible, we were doing well, we confused this abundance with happiness. We didn’t realize that we were fulfilling our own desires more than really exploring what our children wanted: we knew them, we knew what was good for them. When doubts arose, we consulted specialists. There was a plan for everything.

And then: we experienced that what we believed to be true and right was slipping away from us every day, irretrievably, disappearing, seeming to vanish into thin air, chaos spreading where we thought we were safe. We were distraught. Horrified. First we lost our confidence, then all hope, falling from the ivory tower we had built ourselves into the overgrown and very thorny garden of reality.

 

What we no longer knew, because we had lost trust and hope, was that this was merely a period of transition, which, like the times of happiness, did not last forever, so that our souls could grow: yes, our souls were meant to grow, not so much our blossoming and withering bodies, which were merely—and not in the worst but in the very best sense—the vehicle on earth, the faithful companion on the respective journey, which never betrayed us, even if we sometimes believed it did, especially when it was losing strength and vigor.

So we didn’t know that. We thought we had to choose one side or the other. Which was sometimes true, but often not, because truth has as many faces as there were and will be things and living beings on earth. What we lacked, however, was judgment, or rather discernment. Our own, not that of others. Much of what would follow would not have happened if we had trusted our own ability to recognize what was right in front of us and what was perhaps completely different, rather than handing over responsibility and thus the fear of making mistakes to others who were seemingly… what? Smarter? More powerful? More unscrupulous?

But we relinquished responsibility, blind to the fact that we would ultimately have to pay the price. We believed we were getting a bargain, without realizing that the price was unaffordable, burdening ourselves with debt that would have to be paid off, just as we paid off the debts of our ancestors…

It was time to leave the circle. And that is why what happened then happened.

Translated with DeepL.com (free version) Ever so grateful, indeed. 

Please click to listen:  AURI- I Hope Your World is Kind (with lyric

17 Kommentare auch kommentieren

  1. diespringerin sagt:

    Ja, so ist es, glaube ich, und Kant hat darüber sein großes Werk geschrieben…. Danke für deinen Besuch!

  2. Gamma Hans sagt:

    Der eigene Schatten folgt mir auf dem Fuss. Ich kann vor mir selbst nicht behaupten, dass ich die Schuld der Mütter und Vorväter auf meinen Schultern abgetragen hätte. Den Kindern kann ich, konnte ich nicht in ihre Seele schauen. Die Seele selbst hält, seit meiner Kindheit, über mein Verhalten, durch den Traum ihr Gericht. Die Gesetze, im Unbewussten verankert, sind so alt wie die Menschheit selbst.

  3. Holly Hunter sagt:

    I enjoyed this a great story. Danke’

    1. diespringerin sagt:

      Very happy to read that, thank you!

  4. Mindsplint sagt:

    Ein sehr beeindruckender Text, Chapeau!
    Aber leider ist das nicht änderbar, denn das Wissen, das, bzw. was man richtig, oder falsch gemacht hat, kommt immer erst im Nachgang heraus. :-/
    Einzige Chance ist, und so halte ich es auch: Immer den Mittelweg zu suchen. Denn alle Extreme sind schädlich.
    Danke für deine Inspiration, da mal drüber nachzudenken!
    Viele Grüße Bea

    1. diespringerin sagt:

      Danke, liebe Bea, schön, dich wieder begrüßen zu dürfen! Ja, keiner weiß, was die Zukunft wirklich bringt, und das einzige was wir tun können ist, nach bestem Wissen und Gewissen zu handeln und zu leben und uns nicht zu sehr von unseren Ängsten und Befürchtungen leiten zu lassen. Dann, glaube ich, dienen die Extreme höchstens als Richtungsweiser, nach dem wir unseren inneren Kompass ausrichtigen können, falls wir mal in Nebel geraten oder in einen Sturm …. Herzliche Grüße, Silvia

      1. Mindsplint sagt:

        Absolute Zustimmung :-) Und auch ich freue mich sehr, endlich mal wieder was von dir zu lesen, noch dazu so Tagesgeschäft inspirierend. :-)
        Wir schaffen das, viele liebe Grüße Bea 🍀

      2. diespringerin sagt:

        Oh, das froid mich aber außerordentlich sehr! Und ja, wir schaffen das! 🙏🏻💗💫🕊️

      3. Gamma Hans sagt:

        Ich gehe mit meiner Angst seit meiner Kindheit Hand in Hand. Noch heute bin ich tagtäglich daran, mir das Fürchten zu lernen. Ich will mich, ich versuche es, mich an das Schwere zu halten.

  5. In meinem Beitrag heute – „Die Holsteiner Treppe“ – klingt dies Thema auch kurz an.

    1. diespringerin sagt:

      Das ist ein sehr schöner Beitrag!!!!

      1. Danke, ja, da kommt einiges zusammen.

  6. Das geht sicher noch weiter…Es ist sehr ehrlich, aufrichtig, wahrhaftig geschrieben, so ist mein erster Eindruck.
    Es liest sich gut, ist in einem guten Schreibstil geschrieben.

    1. diespringerin sagt:

      Danke, das freut mich wirklich sehr, dass es so rüberkommt! 🙏💗

  7. Ich habe es bei mir angezeigt. Gelesen habe ich erst den Anfang, lese jetzt weiter..

    1. diespringerin sagt:

      Dankeschön!

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