Please read english translation below, thank you. 

Es schmerzte dieser Tage, Wochen, Monate zu sehr, die Welt zu betrachten, es verschlug ihr zu oft die Sprache und sie fühlte sich fremd und verloren. Sie beschloss, sich in sich zurückzuziehen, sich nicht gänzlich aus der Welt zu entfernen, nichts zu verdammen oder zu verhindern (was sie sowieso nicht konnte), sondern im Grunde sich auf Wesentliches zu besinnen, das es ihr ermöglichen würde, weiterhin frei zu atmen, sich zu bewegen, zu fühlen und vielleicht sogar dann und wann zu handeln. Das Handeln, das echte Handeln war praktisch – für eine bestimmte, sehr große, eigentlich die größte Gruppe von allen, und diese betraf alle Geschlechter, Hautfarben, „Rassen“, „Nationalitäten“ (mit diesem Begriff konnte sie am allerwenigsten anfangen, wenn sie ehrlich war, denn er war so eindeutig ein Konstrukt gewisser Kräfte, die im Hintergrund fungierten) und Religionen, überhaupt alle Arten der Differenzierung, – unmöglich geworden. Es wurde reagiert. Auf Nachrichten. Auf tägliche Ereignisse im Alltag. Auf mögliche und unmögliche Imperative, die von wo auch immer ausgehen mochten. Angst wuchs. Alles wurde enger, die Sorge ums Auskommen fraß sich in die Gemüter derer, die keine Erbschaften oder dicke Gehälter oder sonstige Einkommen zu erwarten hatten. Der Kampf ums Überleben für so viele wanderte von fernen Orten in die Wohnzimmer und Seelen derer, denen es gerade noch sehr gut oder schon nur mehr gut ging (oder gar nicht mal so gut ging …). Das macht etwas mit dem Körper: dem individuellen und dem der Gemeinschaften welcher Art auch immer.

Hannah Arendt war ihr eine wundervoll rationale, warmherzige Begleiterin in dieser Zeit. Sie liebte diese Frau, die von eigenen Leuten als Nestbeschmutzerin bezeichnet worden war, weil sie den Mut hatte, der Wirklichkeit, egal wie furchtbar diese scheinen mochte, ins Auge zu blicken. Und Simone Weil trat in ihr Gedächtnis, mit ihrem absoluten Anspruch, ihrer Radikalität, die in Bereiche führte, die Angst auslöste, weil sie nicht schrecklich, sondern wahrhaftig waren, an eine Fähigkeit des menschlichen Seins, Ausdrucks, Bewusstseins appellierten, die betroffen machte: was haben wir nicht alles verfehlt! Können wir das jemals wieder gut machen?

Wie auch immer. Sie – die Schreiberin dieses Textes – beschloss, zu tun, was ihr möglich war, selbst wenn es niemanden, vielleicht nicht einmal sie selbst, interessieren sollte. Weniger, viel weniger Nachrichten (denn selbst wenn sie gar keine Nachrichten aufschlagen wollte, würde sie durch Kontakte in der so genannten „Wirklichkeit“ das Wichtigste mitbekommen, etwa, wenn die Welt tatsächlich untergehen sollte, das wäre dann nicht mehr zu leugnen. Aber vielleicht, so kam ihr beim Schreiben in den Sinn, wäre sie dann „bereit“. Wer weiß das schon?).

Sie kramte in ihrem Bücherregal, holte aus einer hinteren Ecke Kopien hervor, die sie während des Studiums gemacht hatte. „Schwerkraft und Gnade“. Sie würde jeden Tag darin lesen, die Zeilen auf sich wirken lassen. Sie vielleicht teilen, oder die Gedanken, die sie dazu hatte.

Gleich am ersten Tag stieß sie auf den Absatz, der sie hoffen ließ: Begreifen, daß es [in allem] eine Grenze gibt, die man ohne übernatürliche Hilfe nicht [oder doch nur um sehr weniges] überschreiten kann; und nicht ohne hernach mit einer furchtbaren Erniedrigung dafür bezahlen zu müssen. (aus: Simone Weil, Schwerkraft und Gnade, 1954, S.72)

Sie wünschte der Welt von Herzen Frieden und ein Gleichgewicht, das nicht mehr von Egoismen, sondern von wachen Geistern herrührte, die auf allen Ebenen zu finden waren. In Anlehnung an Hannah Arendts Gedanken zur Pluralität formulierte sie für sich selbst den Satz, den sie wie ein Mantra wiederholte: „Wir sind viele verschiedene Gleiche, die im selben Haus wohnen. Lernen wir, das auch wirklich zu tun. Das geht nur, wenn wir Konflikte nicht scheuen, die sich aus den Unterschieden ergeben, und dennoch dem noch Unbekannten, nur scheinbar Fremden nicht die Existenzberechtigung und Wert absprechen.“

© Silvia Springer
© Silvia Springer

These days, weeks, months, it hurt too much to look at the world; it left her speechless too often, and she felt alienated and lost. She decided to withdraw into herself, not to remove herself completely from the world, not to condemn or prevent anything (which she couldn’t do anyway), but basically to reflect on the essentials that would enable her to continue to breathe freely, to move, to feel, and perhaps even to act from time to time. Action, real action, had practically become impossible for a specific, very large, in fact the largest group of all, and it included all genders, skin colors, “races,” “nationalities” (to be honest, this was the term she could least relate to, because it was so clearly a construct of certain forces operating in the background), and religions, in fact, all kinds of differentiation. People reacted. To news. To daily events in everyday life. To possible and impossible imperatives that might originate from anywhere. Fear grew. Everything became tighter and worries about making ends meet ate away at the minds of those who had no inheritance, fat salaries, or other big income to look forward to. For so many, the struggle for survival moved from distant places into the living rooms and souls of those who were still doing very well or just doing well (or not doing so well …).

This has an effect on the body: the individual body and that of communities of all kinds.

Hannah Arendt was a wonderfully rational, warm-hearted companion to her during this time. She loved this woman, who had been labeled a traitor by her own people because she had the courage to face reality, no matter how terrible it might seem. And Simone Weil entered her memory with her absolute demands, her radicalism that led into areas that triggered fear because they were not terrible but true, appealing to an ability of human existence, expression, and consciousness that was disturbing: how much we have missed! Can we ever make up for it?

Anyway. She, the writer of this text, decided to do what she could, even if no one, perhaps not even herself, was interested. Less, much less news (because even if she didn’t want to open the news at all, she would hear the most important things through her contacts in so-called “reality”; for example, if the world were actually coming to an end, it would be impossible to deny. But perhaps, it occurred to her as she wrote, she would then be “ready.” Who knows?).

She rummaged through her bookshelf and pulled out copies she had made during her studies from a back corner. “Gravity and Grace.” She would read it every day, letting the lines sink in. Maybe she would share it, or the thoughts she had about it.

On the very first day, she came across a passage that gave her hope: To understand that there is a limit [in everything] that cannot be exceeded without supernatural help [or only very little]; and not without having to pay for it afterwards with terrible humiliation. (from: Simone Weil, Gravity and Grace, 1954, p.72)

She wished the world peace and a balance that no longer stemmed from selfishness, but from alert minds that could be found at all levels. Based on Hannah Arendt’s thoughts on plurality, she formulated a sentence for herself that she repeated like a mantra: “We are many different equals living in the same house. Let us learn to do so in reality. This is only possible if we do not shy away from the conflicts that arise from our differences, yet do not deny the right to exist and the value of the still unknown, only seemingly foreign.”

Translated with DeepL.com (free version) with gratitude.

 

14 Kommentare auch kommentieren

  1. Beautiful, my sweet friend. Absolutely beautiful. 💗

    1. diespringerin sagt:

      Thank you, my friend 🌍🕊💗🌎

  2. Diese selbstlosen Wünsche für den Frieden der Welt wachsen ja über unsere eigene Verlorenheit hinaus. Es ist eine andere „Realität“: eine Wirk-lich-keit feinerer Art, eine Wechselwirkung von Geben und Empfangen von „Lichtfäden“ aus dem LICHTE der Wahrheit, die ja ständig „wirken“ und die eigentlich lebendige „Wirklichkeit“ sind, – so will es mir erscheinen. Und unsere Worte wirken darin auch mit… Es hört nicht auf: dies Geben und Empfangen.

    1. diespringerin sagt:

      Nein, es hört nicht wirklich auf, das Geben und das Nehmen, darauf dürfen wir durchaus hoffen …

  3. Dies Photo ist wieder umwerfend schön und zugleich voller Symbolik, finde ich!
    Jedenfalls hielt ich atemlos inne und versuchte es zu zeichnen,
    wobei ich zugleich die Worte für mich aufarbeitete.

    1. diespringerin sagt:

      Vielen Dank für die freundlichen Worte, Ihre Anteilnahme freut mich wirklich sehr!

  4. Michele Lee sagt:

    Thought-provoking essay and beautiful sun burst capture. Thank you for this moving share. 🌤️💕

    1. Thank you, Michele🪷🫶, love & light !

      1. Michele Lee sagt:

        Thank you 💗🌟

  5. Mindsplint sagt:

    Seufz… ich habe mich an fast allen Stellen der Schreiberin dieses Textes sehr nahe gefühlt und mich in ihren Gedanken wiedergefunden. Und solange Egozentrik, Geldgeilheit und Machtmissbrauch von politischen Herrschern vorgelebt- und sogar imitiert werden, ist es wirklich besser, sich für eine Weile vor der Nachrichtenflut zu schützen, in dem man sie verweigert.
    Ob man dann aber wirklich in seinen letzten Stunden ‚bereit‘ ist, das bezweifele ich. Vielleicht kommt dann nämlich das schlechte Gewissen durch, nicht entschieden genug dagegen gehalten zu haben, in welcher Form auch immer. Ich persönlich sehe , bzw. handele da eher wie Hannah Arendt es in ihren Gedanken zum Pluralismus auf den Punkt bringt. :-)

    Danke für diesen zum Nachdenken motivierenden und dadurch überaus wertvollen Beitrag. 🤍
    Herzensgrüße Bea

    1. diespringerin sagt:

      Das mit den letzten Stunden … bleibt spannend bis zuletzt. Und das mit den Nachrichten: wirklich verweigern können wir uns eh nie, so wenig, wie wir uns vor der Wirklichkeit verweigern können, beides holt einen spätestens in der letzten Stunde ein. Besser, sich gleich seinen Ängsten zu stellen, die eigenen Bequemlichkeiten zu überwinden. Verweigerung in diesem Sinn ist ja nur Verdrängung. Aber: die Wirklichkeit lässt sich nicht verdrängen, sie taucht immer wieder auf und klopft an. … Hannah Arendt, ein Leuchtfeuer der Vernunft in dunklen Zeiten, hilft beim Ordnen der Gedanken und Gefühle … ich danke dir sehr für deinen leidenschaftlichen Kommentar! Wenn wir müde sind, legen wir uns nieder, um ausgeruht und klar wieder weiter zu gehen …. 🤍Herzensgrüße zurück! Silvia

  6. Grinsekatz sagt:

    Ego und Gleichheit. Religiöse Zeremonien beeindrucken mich wenig, mir fehlt ein Zugang dazu, obgleich ich ein gläubiger Mensch bin. „Gottesdienste“ bewegen mich, wenn sie Bezug auf die (politische) Wirklichkeit haben, sich nicht in Singsang und Liturgien verlieren.

    Einmal las ich von den Zusammenkünften der so genannten Quäker. Es gibt in den Staaten drei verschiedene Strömungen, von kreationistisch konservativ über klassisch konservativ (der Bibel folgend, aber offen) bis hin zum liberalen Flügel, der sich als Universalreligion versteht und in seinen Schriften das Beste aller Theosophien, Theologien, Philosophien und alten Weisheiten der Naturvölker zusammengetragen hat. Wenn sie sich also finden, sitzen sie zusammen und schweigen, bis einer etwas sagt. Findet das keine Zustimmung, geht es konträr zu, wird weiter geschwiegen. Das kann dauern, aber es wirkt – bis Übereinkunft erzielt wird.

    Sie besiegten das Ego – wie schwer das ist, erlebe ich jeden Tag. Entweder wir lernen zu teilen oder wir bringen uns weiter gegenseitig um.

    Vorbereitet? Nun, wenn ich gerufen werde, muss ich gehen. Wenn Mensch sich darauf vorbereiten kann, dann vielleicht derart, sich in der letzen Stunde noch selbst schätzen zu können. Ach, wäre das doch so leicht gelebt wie geschrieben.

    Grüße von w nach W :)

    1. diespringerin sagt:

      Gell😜☺️? Letztendlich, alles Versuche, und im Grunde nur Beweis, dass wir nur unser Bestes, aber eben nie etwas Vollkommenes tun können … Bescheidenheit ist eine Zier, oder so ähnlich 🥸 ….sooooo danke für deinen wieder überaus präzisen und wohhltuenden Kommentar!

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