Schattenspringen in New York (6)

Es war seltsam. Sie, die so geräuschempfindlich war, Musik nur hörte, wenn sie wirklich Musik hören wollte und keine simple Berieselung, und schon gar nicht bei der Arbeit, schätzte. Sie, die in der Nacht beim kleinsten Geräusch augenblicklich hellwach wurde und danach nicht mehr einschlafen konnte. Sie, die irgendwie allergisch auf allzu laute Stimmen reagierte, die alle anderen übertönten. Und so weiter und so fort.

Sie wohnte dieser Tage im Herzen Manhattans, zwei Blocks vom Empire State Building entfernt (sie konnte dessen Spitze sehen, wenn sie am Fenster entsprechend den Hals verrenkte), in einem Eckzimmer mit Fenstern auf zwei vielbefahrene Straßen, der Madison Avenue und der 38th Straße. Im vierten Stock eines vielstöckigen Jugendstilgebäudes, das allerdings etwas von seiner Eleganz verloren hatte. Es gab nicht mal Frühstück dort. Aber sie konnte es sich leisten. Das war doch was.

Sie lebte dieser Tage im Donner der Stadt, der lediglich in den späten Nachtstunden, weit nach Mitternacht bis kurz vor Sonnenaufgang, ETWAS zur Ruhe kam.

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Past Midnight.

Die erste Nacht war dementsprechend einigermaßen schlaflos. Aber nicht, weil sie sich über den Straßenlärm so aufregte, sondern weil sie es schlicht und ergreifend aufregend fand, da zu sein, wo sie eben gerade war. In keiner der Nächte brauchte sie Ohrenstöpsel, selbst wenn die Polizei-, Feuerwehr- oder Rettungssirenen heulten, als gäbe es kein Morgen. Sie konnte schlafen. Kann man sich das vorstellen?

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Before sunrise.

War es nicht der Verkehr, der laut war, kamen die Müllmänner, zu unmöglichen Zeiten. Für Europa – jedenfalls für Wien – unmögliche Zeiten. Überhaupt. Waren es weder Verkehr noch Sirenen, dröhnte irgendetwas anderes – die Millionen Klimaanlagen der Stadt? Irgendwelche Lüftungsanlagen und -schächte der Subways? Der röchelnde Atem der Stadt, wie der eines starken Rauchers?

Wie konnte es sein, dass sie all diese Eindrücke und Umwelteinflüsse in sich aufzunehmen vermochte, ohne diese persönlich als invasiv zu erleben? Durchaus wahrnahm, dass es sich um eine andere Art der Wildnis handelte, in der nur die scheinbar „Starken“ „überlebten“ (ebenso scheinbar, wenn auch offen sichtlich) – nämlich in der Wildnis der menschlichen Natur, ungeschönt der Blick darauf.

Diese Stadt ist eines der Ergebnisse eben dieser Wildnis. Gnadenlos gnadenreich. Herzlich herzlos. Wunderschön hässlich. Ein geradezu vollkommener, sich stetig verändernder, mäandender Spiegel des Selbst, des Menschen, des Ich. Ihr eigener Spiegel zeigte ihr ihre Ängste auf, sie sah die Spuren an ihrer Haut, die brannte. Sie dachte: entweder verglühe ich oder ich werde. Immer. Wieder. Neu.

Was will ich sein? Eine Frage, die man nie aufhören sollte, sich selbst zu stellen, egal, wo man gerade stand, wie alt (oder wie jung) man auch war. Denn Schönheit erkennen wir nur da wirklich, wo es auch das Gegenteil davon gibt. Eigentlich … gibt es letztendlich nur Schönheit, was das Gegenteil davon zu sein scheint, ist womöglich nur das, was wir in unserem Wahn von uns abzuspalten versuchen, weil wir … Angst davor haben, nicht mehr schön zu sein …

… wie sie diese Stadt liebte … denn sie erkannte auch, wozu Menschen fähig sind, wenn sie das, was gut, wirklich gut ist in ihnen, verwirklichen (das konnte man natürlich überall anderswo erkennen, aber New York bot sich gerade für ihre persönliche Erkenntnis dazu an. Sie liebte eben den Spirit dieser Stadt.)

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