Nur Gedanken / Only Thoughts

English translation beneath.

Sie schoss das Foto, gerade als die U-Bahn vorbeifuhr. Sie gratulierte sich innerlich, denn das würde das Bild lebendiger machen. Sie wusste in diesem Augenblick, als sie durch den Sucher blickte und ihr Fokus auf dem Kopf des Zuges lag,  nicht, dass sich auf dem Dach einer der Wagons eine Botschaft finden würde. Während der Bearbeitung des Fotos begann ihr Herz schneller zu schlagen.

Jemand, der nicht einverstanden war mit der Trost- und Hoffnunslosigkeit der menschlich-globalen Entwicklung, hatte seine Sicht der Dinge auf das Dach eines U-Bahnwagons geprüht. Warnung, Mahnung. Wieviele Fotografen – Touristen und andere – würden diese Wort zufällig aufnehmen in ihr Bild? Und wer würde diese Botschaft lesen? Überhaupt bemerken?

Es sickerte wahrlich schön langsam in das kollektive Bewusstsein, dass diese Erde gefährdet war, wenn weiterhin mit ihr so umgegangen werden würde wie bisher und der Schwerpunkt nur auf „Fortschritt!“, „Erfolg!“ und vor allem „GELD!“ und von allem „VIEL! MEHR!“ läge.

Den Politikern dieser Erde ging es … natürlich um das Wohl der Völker, nicht wahr?

Es ging ihnen um leistbare Wohnungen für ihre Bürgerinnen und Bürger, gesunde und ebenfalls leistbare Lebensmittel, Chancengleichheit und NICHT darum, ihre eigenen Schäfchen ins Trockene zu bringen und eine bestimmende Klientel zu befriedigen.

Sie erinnerte sich daran, im Chor derer gesungen zu haben, die schon vor zig-Jahren dieses Lied angestimmt hatten: geht pfleglich mit unserer Umwelt um, mit diesem Juwel im Universum. Sie war eine der vielen völlig unbedeutenden, unbemerkten, ungehörten Stimmen gewesen. Sie war belächelt worden, als sie über die Gefahren des Sauren Regens sprach, über artgerechte Tierhaltung und der Haltung derer, die diese Tiere hielten … .  Viele hatten überhaupt nichts mit ihren Worten anfangen können.

War die Lage wirklich hoffnungslos? Hatte die Spezies Mensch tatsächlich ihr Recht auf (Über-)Leben verloren, weil jene, welche die Macht hatten alles zu lenken nach ihrer Willkür und ihrem gierigen Bedarf (wobei: dürfen alle über denselben Kamm geschoren werden?) in ruchloser Maßlosigkeit und mangelnden Vertrauen in die Fülle des Daseins rafften, was sie raffen konnten, ohne an jene zu denken, die nicht einmal mehr Brotkrümeln vom Tische auflesen konnten?

War das das Rad der endlosen Wiederkehr, von dem Nietzsche geschrieben hatte? Und wenn du das, was sich ewig wiederholt in seiner ganzen Hoffnungs- und Trostlosigkeit bejahen kannst … was nicht möglich ist, deswegen war er ja auch zum Nihilisten geworden.

Sie wusste, sie hatte nicht viel verstanden. Denn sie liebte das Leben, sie liebte die Welt. Sie liebte die Lebendigkeit, das Spiel von Licht und Dunkel.  Sie liebte die Menschen, welche liebten, und wenn es nur einen einzigen davon gäbe, würde sie ihm ein gutes (Über-)Leben wünschen, und zumindest einen weiteren Liebenden, Lichtstrahlen, welche die Welt erhüllten.

Sie vertraute auf die Kraft der Erneuerung. Vielleicht war das närrisch, jedoch: sie sah für sich keine andere Option, als so gut und bewusst wie möglich zu leben und zu lieben, was in seiner scheinbaren Gier im tiefsten Grunde doch nur nach Liebe schrie (was nicht der Entschuldigung für schlechte Taten dienen sollte).

Es gab unzählige dunkle Augenblicke, in denen sie glaubte, zu scheitern. Sie hatte viele Schiffbrüche erlebt und Abstürze und war selbst voll von Zorn und Trauer gewesen. Sie wäre beinahe erstickt daran: an Zerstörung, Wut und Hass.

Was soll’s? Sie lebte in dieser Welt. Da sie wusste, wie es sich anfühlte, nicht geliebt zu werden, wusste sie auch, dass es nichts Wichtigeres gab, als zu lieben, denn von dort kam alles.

Zu lieben, in aktiver Weise, ist ein politischer Akt. Manchmal muss man dafür kämpfen, aber in erster Linie muss man es selber tun. Immer wieder und wieder.

Hier einige inspirierende Zitate

***

She shot the photo just as the subway passed  by. She congratulated herself, because that would make the picture more vivid. Looking through the viewfinder with  her focus on the head of the train she did not realize the  message on the roof of one of the wagons in that very moment. As she edited the photo later her heart began beating faster.

Someone who disliked the desolation and hopelessness of human-global development had sprayed his view of things onto the roof of one of the subway wagons. Warning, reminder. How many photographers – tourists and others – would take these words by chance in their picture? And who would read this message?

It really did leak slowly into the collective consciousness that this earth would be endangered if it continued to be treated as it was before and with focus alone on „Progress!“, „Success!“ and above all, „MONEY!“ and of everything „MUCH MORE!“

The politicians of this world were, of course, concerned with the well-being of the peoples, were they not in favor of affordable housing for their citizens, healthy and equally affordable food, equal opportunities and NOT trying to give priority to their very own clientele?

She remembered singing in the chorus of those who had also sung this song decades ago: caring about environment, Earth, this jewel in the universe. She had been one of the many completely insignificant, unnoticed, unheard voices. She had been laughed at as she talked about the dangers of acid rain, animal welfare, and the attitudes of those who kept these animals …. Many had not been able to do anything with her words.

Was the situation really hopeless? Did the human species actually lose its right to live, because those who had the power to direct everything according to their arbitrariness and their greedy need (whereby: may all be shorn on the same comb?) and who in ruthless excess and lack of trust into the fullness of existence bundled up whatever they could gather, without thinking of those who could not even pick up bread crumbs from the table?

Was this the wheel of endless return of which Nietzsche had written? And if you can affirm that which repeats itself forever in all its hopelessness and desolation … which is not possible, that’s why he became a nihilist.

She knew she had not understood much. Because she loved life, she loved the world. She loved the liveliness, the play of light and dark. She loved the people who loved, and if there was only one left, she would wish him a good life, and at least one more lover, rays of light that shed the world.

She trusted in the power of renewal. Perhaps that was foolish, however: she saw no other option but to live and love as well and consciously as possible, sensing in the the deepest ground of the apparent greed the desperate crying out for love: being affirmed (no excuse for bad deeds, though).  

There were countless dark moments in which she believed to fail. She had experienced many shipwrecks and crashes and was herself full of anger and grief.  They almost suffocated her: destruction, anger and hatred.

What the hell? She lived in this world. Knowing what it felt like not being loved, she also knew that there was nothing more important than to love, because everything came from there.

To love, in an active way, is a political act. Sometimes you have to fight for it, but first and foremost you have to do it yourself. Over and over again.

© Silvia Springer

4 Kommentare Gib deinen ab

  1. Ulli sagt:

    „zu lieben … ein politischer Akt“ – das hast du sehr treffend formuliert, wie alles andere auch, aber dies sprang mich ganz besonders an.
    Herzensdank und liebe Grüße und gute Wünsche für dich und die hoffentlich fröhlichen Ostertage,
    Ulli

    1. diespringerin sagt:

      Herzensdank für deine Worte herzlich auch an dich!!! Ja, war/ist/sind schön und voll Licht, diese Ostertage, hoffe auch bei dir! Silvia

  2. Was für eine Entdeckung, die zu tiefgreifenden Gedanken führten. Sehr berührend. Danke ganz herzlich fürs Teilen.

    1. diespringerin sagt:

      Danke dir für deine lieben Worte, freuen mich sehr! Herzlichen Gruß aus Wien! 🙏❤️

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