weg der heilung / path of healing (8)

please read english translation below.

Verlorenes Kind, wiedergefunden

Es war ein langer Weg, eine Art geistig-seelische Schwangerschaft, ein Bruch mit alten Gewohnheiten, somit ein Geschenk des Himmels. Der Heilungsprozess des Körpers gab den Rhythmus vor: langsam. Unendlich langsam, wie ihr schien. Überraschend langsam, sie, die Geschwindigkeit gewöhnt war, rasche Heilung – aber der erste (und wie sie trotz aller späteren Einsicht hoffte der einzige) Knochenbruch lehrte sie, weitere Zusammenhänge zu erkennen, die sie vorher nicht sehen konnte – weil sie viel zu schnell unterwegs war, ganz dem Zeitgeist entsprechend. Trotz Yoga, Meditationen, Selbstreflexionen. Und so weiter, und so fort.

Dann lag sie also am Boden, stellte sich selbst ein Bein, wurde niedergedrückt und gebrochen von der Last der Vergangenheit, die sie wie einen großen Schatz in ihrem Rucksack mit sich trug. Wäre sie mit leichtem Gepäck unterwegs gewesen und in Sandalen statt mit derben Schuhen, nichts dergleichen wäre passiert, sie hätte den Boden unter ihren Füßen gespürt, keine Schlinge hätte ihr den Arm nach hinten gedreht und den Knochen brechen lassen. Kein Schubs durch einen vorbeihetztenden Passanten hätte diese Auswirkungen gehabt.

Aber wer weiß? Wer weiß das schon? War das von irgendeiner Bedeutung?

Ja und nein.

Nein, weil alles auch viel schlimmer hätte ausgehen können. Ja, weil immer, immer die Möglichkeit besteht, aus jeglicher Erfahrung zumindest EINE Lektion fürs so genannte Leben zu ziehen. Immer wartet irgendwo ein Geschenk darauf, erkannt und ausgepackt zu werden.

Es war ein ganz großer Reinigungsprozess. Es war ein Glück. Trotz allem. Denn die Schmerzen vergingen irgendwann, der Knochen heilte, die Prellungen, Quetschungen, Verstauchungen, Zerrungen brauchten wesentlich länger. Zu früh dachte sie alles werde rasch wieder gut, was zu Verzögerungen im Heilungsprozess führte: ihr Körper zwang sie zur Ruhe. Sie war auf sich selbst zurückgeworfen worden.

Während sie sich auf das Zusammenwachsen des Knochens, das Abschwellen und die Genesung des verletzten Gewebes, den Ab- und Wiederaufbau der Muskeln, das Zusammenspiel der Vorgänge in ihrem Körper konzentrierte, auf das erschütterte, mangelnde und wiedererworbene Gefühl des Gleichgewichtes, auf den Verlust des Vertrauens und die Erkenntnis, dass es ohne Vertrauen schlicht und ergreifend gar nicht ging, entdeckte sie etwas ganz und gar Unerschütterliches in sich selbst.

Zuerst hatte sie sich selbst gehetzt. Dann nahm sie das Geschenk der Zeit an.

Sie dankte ihrem Körper, dem Universum für jede einzelne Lektion. Sie akzeptierte, dass ihre Seele die Führung übernahm. Sie folgte wirklich ihrem Herzen, ganz und gar, öffnete es, ließ frischen Wind hinein, staubte aus, streifte Spinnweben ab, ließ das Licht den hintersten Winkel erhellen. Alte Gespenster jaulten auf, Vampire verbrannten heulend zu Asche. Ganz weit hinten, am dunklesten Punkt da fand sie ihr Inneres Kind, ängstlich zusammengekauert, den Kopf auf den Knien, schon fast resigniert.

Ein tapferes Kind, mit dem Herz einer Löwin, einer Drachin, eines verwundeten Rehs. Erstaunlich stark, sehr verwundbar und noch viel mehr verwundet.

Am Boden, und doch: am Leben. Was wichtiger war, als einfach nur am Leben zu sein: es war – LEBENDIG.

Sie, die Erwachsene, schwor, sie übernähme die volle Verantwortung für dieses Kind, würde es lieben, bedingungslos, und beschützen, bis in den Tod, darüber hinaus, bis in alle Ewigkeit. War es nichts anderes als Sinnbild alles dessen was jemals auf Erden und in sämtlichen Universen aller Welten liebenswert und kostbar war: die Liebe selbst.

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Lost Child Found

 It was a long way, a kind of spiritual-soul pregnancy, a break with old habits, thus a gift from heaven. The healing process of the body set the rhythm: slow. It seemed to her almost infinitely slow. Surprisingly slow, as she was accustomed to speed, quick healing – but the first (and as she hoped, despite all later insight, the only) bone fracture taught her to recognize other connections she could not see before – because she was moving forward much too fast, in keeping with the spirit of the times. Despite yoga, meditations, self-reflections. And so on, and so forth.

There she lay on the ground then, had tripped over her own leg, was crushed and broken by the burden of the past, which she carried like a big treasure in her backpack. Had she been on her way with light luggage and in sandals instead of big boots, nothing like that would have happened, she would have felt the ground under her feet and no noose would have turned her arm backwards and broken her bone. No push by a passer-by rushing by would have had these effects.

But who knows? Who knows? Was that of any significance?

Yes and no.

No, because everything could have turned out much worse. Yes, because there is always, always the possibility to learn at least ONE lesson for the so-called life from any experience. And because there is always a gift waiting somewhere to be recognized and unpacked.

It was a big cleaning process. It was great luck. Despite everything. Because the pain passed sometime, the bone healed, the bruises and sprains took much longer. Too soon she thought everything would fast be fine again, which led to delays in the healing process: her body forced her to rest. She had been thrown back on herself.

And while  she concentrated on the growing together of the bone, the decongestion of the injured tissue, the reduction and reconstruction of the muscles, the interaction of the processes in her body, on the shaken, lacking and regained feeling of balance, on the loss of trust and the realization that without trust it would simply not work at all, she discovered something completely unshakeable in herself.

At first she had rushed herself. Then she accepted the gift of time.

She thanked her body, the universe, for every single lesson. She accepted that her soul took the lead. She really followed her heart, completely, opened it, let fresh wind in, dusted out, stripped cobwebs, let the light illuminate the furthest corner. Old ghosts whined, vampires burned to ashes, howling. And far back, at the darkest point, she found her inner child, anxiously huddled together, head on knees, almost resigned.

A brave child, with the heart of a lioness, a dragoness, a wounded deer. Amazingly strong, very vulnerable and much more wounded.

On the ground, and yet: alive. And what was even more important than just being alive: it was – VIBRANT.

She, the adult, swore that she would take full responsibility for this child, would love it, unconditionally, and protect it until death, beyond that, for all eternity. Was it nothing more than a symbol of everything that was ever lovable and precious on earth and in all universes of all worlds: love itself.

© Silvia Springer

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

13 Kommentare Gib deinen ab

    1. diespringerin sagt:

      Thank you sehr!

  1. Ich musste lächeln und freue mich für Dich; … und für Dein Inneres Kind. Halte es warm und geborgen.
    Herzliche Grüße
    Ines

    1. diespringerin sagt:

      Das ist schön, danke! Mach ich! Herzliche Grüße 🌺❤️, silvia

  2. Paleica sagt:

    was für ein wunderschöner und berührender text!

    1. diespringerin sagt:

      Vielen Dank ☺️!

  3. Ulli sagt:

    Was für ein Prozess!!! Ich freue mich ganz besonders über das wiedergefundene Kind und über dein Versprechen, manchmal gehe ich mit meiner Kleinen spazieren, sie mag das und was ihr so alles einfällt 😉
    Gutes Sein mit ihr und einen weiterhin guten Weg wünscht dir von Herzen,
    Ulli

    1. diespringerin sagt:

      Dank dir von Herzen, liebe Ulli, heute waren wir nach der Arbeit ein Eis essen :o) … (u.a.) Herzlichst aus Wien, Silvia

  4. finbarsgift sagt:

    Berührend …
    Herzliche Morgengrüße vom Lu

    1. diespringerin sagt:

      Dank dir, lieber lu 😊, auch zu dir herzliche Grüße! One little step after the other, nicht wahr? ❤️🌺🍀

      1. finbarsgift sagt:

        Lächel … genau liebe Silvia. Have a pleasant day 🎵🎶🎵🎶🎵🐦

      2. diespringerin sagt:

        ☺️☺️☺️🌺

      3. finbarsgift sagt:

        🎵🎶🎵🎶🎵🐦

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