Flieg, Drache, flieg! / Fly, Dragon, Fly!

The Knight's Dragon
© Silvia Springer

English translation below

Sie träumte sie ging durch die Straßen ihrer Stadt und fand in einer Sackgasse einen kleinen Laden, in dem Ramsch allerleier Art feilgeboten wurde, wie auch alte Möbel und Teppiche, Kleidung, Schmuck und Schuhe, Bücher, Schallplatten, Gemälde groß und klein, Elektrogeräte und Spielsachen … sie strich mit ihren Fingern über die verstaubten Dinge, vieles blieb ihrem Blick verborgen, da es bereits dunkel war und in dem Laden nur eine Funzel von der Decke baumelte und das Licht wie das einer Kerze flackerte. Sie hörte das Ticken einer alten Wanduhr, die Zeiger standen auf drei Minuten vor Zwölf, obwohl es irgendwann am späten Nachmittag sein musste.

Plötzlich, wie aus dem Nichts heraus, stand der Ladenbesitzer neben ihr, ein runzliger und vom Alter gekrümmter Mann mit dünnem Haar, das ihm über die mageren Schultern hing, silbergrau, eigentlich war die Farbe des Haares das schönste an ihm, denn es leuchtete sogar in dem schlechten Licht.

„Ich habe etwas für dich!“ schnarrte er, und irgendwie hatte sie den Eindruck, als würde er lachen obwohl er ganz ernst war. Sie wunderte sich. Er winkte ihr zu, ihm zu folgen, in die Dunkelheit des Raumes, wo sich alte Dinge auftürmten. Er bückte sich und schien in einer Truhe nach etwas zu suchen, es rumpelte ein wenig. Er tauchte wieder auf, mit einem strahlendem Lächeln auf seinem Gesicht, das echte Freude ausdrückte. In der Hand hielt er eine Figur, etwa acht Zoll hoch, die er ihr überreichte.

„Der ist für dich!“ sagte er. „Gut, dass du heute gekommen bist. Nur ein paar Minuten später, und ich hätte ihn einer anderen Person geben müssen. Ich habe gehofft, dass du es noch schaffst!“

Sie blickte ihn verblüfft an. „Schaffen? Was denn?“

Dann erst blickte sie auf die Figur und war verzaubert.

„Oh!“ hauchte sie. „Wie wunderschön!“

Sie hörte den alten Mann lachen. „Nicht wahr? Ich wusste, du würdest es sehen.“

Sie nahm den Ritter in Empfang, schlank, behende wirkend, entschlossen, stolz aufgerichtet, sein gesenktes Schwert in der einen Hand, den anderen Arm in die Luft gestreckt, um einem roten Drachen, falkengleich, die Freiheit zu schenken. Der Drache war in Begriff, aufzusteigen, aber beide, Ritter und Drache, bildeten eine Einheit der Liebe: der eine hatte sich freiwillig auf die Hand des Ritters gesenkt und der andere ließ dem Drachen die Freiheit zu fliegen.

„Ich wusste, du würdest das sehen!“ rief der Krämer aus, er wirkte freudig erregt. „Ich wusste, du würdest das sehen!“

Er warf ein Stück grünen Samtes über die Figur und hüllte sie damit ein, ohne sie ihr aus den Händen zu nehmen.

„Schnell!“ flüsterte er wie eine Beschwörung. „Du musst gehen!“

„Aber ich muss doch noch zahlen!“ erwiderte sie verwirrt.

„Er gehört dir!“ wiederholte der Krämer. „Du musst nicht für etwas zahlen, das dir gehört. Du kannst es nur verschenken. Verstehst du?“

Er hatte sie bereits an den Schultern genommen und begann sie mit sanfter Gewalt aus dem Laden zu schieben.

Sie hatten Ausgang erreicht und gerade wollte sie den Türknauf berühren, als die Türe aufschwang und eine weitere Person eintrat. Es blieb ihr allerdings keine Zeit, sie genauer anzusehen oder etwas zu sagen, denn der Krämer gab ihr einen kräftigen Schubs, sodass sie knapp an der hereinkommenden Gestalt vorbei aus dem Laden auf die Straße stolperte. Sie konnte nicht einmal mehr Danke sagen. Die Türe schlug hinter ihr zu.

Sie wachte auf. Sie erinnerte sich erst an den Traum, als sie in der Auslage eines Antiquitätengeschäftes die Figur wiedersah.

***

She dreamed she walked through the streets of her town and found in a cul-de-sac a small shop that offered junk of all sorts as well as old furniture and carpets, clothes, jewelry and shoes, books, records, paintings  big  and  small, electrical appliances and toys… she stroked with her fingers over the dusty things. Much of it remained hidden from her gaze, as it was already dark. A lamp dangled from the ceiling and gave only dim and flickering light like that of a candle. She heard the ticking of an old wall clock, the pointers stood at three minutes before twelve, although it had to be sometime in the late afternoon.

Suddenly, as if out of nowhere, the shopkeeper stood next to her, a wrinkled man with thin and long hair falling over his lean shoulders, silver-grey, actually the colour of the hair was the most beautiful thing about him, because it even glowed in the bad light.

„I have something for you!“ he snarled. In some way she felt like he was laughing even though he was very serious. She wondered. He beckoned to follow him into the darkness of the room, where old things piled up. He bent down and seemed to be looking for something in a chest, it rumbled a little. He reappeared, with a beaming smile on his face expressing real joy. He held a figure in his hand, about eight inches tall, which he handed over to her.

„He’s for you,“ he said. „Good that you came today. Just a few minutes later, and I should have given it to another person. I was hoping you could still do it!“

She looked at him in amazement. „Could do what?“

Then she looked at the figure and was charmed completely.

„Oh!“ she said. „How beautiful!“

She heard the old man laughing. „Isn’t he? I knew you’d see it.“

She received the knight, slender, with determined attitude, proudly erected, his lowered sword in one hand, the other arm raised upon the air to give freedom to a red dragon, as if it was a falcon. The dragon was about to ascend, but both knight and dragon formed a unity of love: one had voluntarily lowered himself to land on to the knight’s hand, and the other gave the dragon the freedom to fly.

„I knew you would see this!“exclaimed the shopkeeper, he seemed to be quite excited. „I knew you’d see this!“

He threw a piece of green velvet over the figure and wrapped it in it without taking it out of her hands.

„Quick!“ he whispered like an incantation. „You have to leave now!“

„But I still have to pay!“ she replied, bewildered.

„He’s yours!“ the shopkeeper repeated. „You don’t have to pay for something that belongs to you. You can only give it away as a gift. Do you understand?“

He had already taken her by the shoulders and began to push her out of the store with gentle force.

They had reached the exit and she was about to touch the doorknob when the door opened and another person stepped in. However, she had no time to take a closer look  say anything, as the shopkeeper gave her a powerful boost, so she stumbled from the shop onto the street, just missing to run into the other person. She couldn’t even say thank you to the shopkeeper. The door slammed behind her.

She woke up. She only remembered the dream when she saw the figure again in the window of an antiqueshop.

© Silvia Springer

 

 

 

 

6 Kommentare Gib deinen ab

  1. Ulli sagt:

    Eine schöne Geschichte!
    Liebe Grüße
    Ulli, heute vom sonnigen Berg (eine Rarität in diesen Tagen)

    1. diespringerin sagt:

      Danke, Ulli! Ja, hier war es auch sonnig am Vormittag, jetzt jagen wieder Wolken ganz dramatisch über den Himmel….. Herzlichen Gruß zu dir hin🙏❤️ Silvia

  2. Pollys sagt:

    Jetzt will ichs aber weiter wissen….

    1. diespringerin sagt:

      😊🙏🐲 Mal sehen, ob da noch was folgt. Danke für deinen Besuch! Liebe Grüße!

    1. diespringerin sagt:

      🙏❤️🐲❤️

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