Die Welt heute / The World Today

Fahrrad © Silvia Springer
© Silvia Springer

Please read English version below.

Auf dem Weg zur Arbeit. Ihr teurer Gefährte, das Fahrrad.

 Auto- und Radfahrer, welche die ziemlich leeren (nicht so leer, wie sie erwartet hatte) Straßen nun verstärkt mit Rennbahnen verwechselten.

Hatten sie es wirklich so eilig, oder nahmen sie etwas Wichtiges nicht ernst?

Sie brauchte mit dem Rad dreimal so lang. Am Abend sogar noch länger, weil sie müde war und vorsichtiger fuhr.

Sie nahm wahr, dass es Menschen gab, die hingebungsvoll waren in dem was sie taten und solche, die tatsächlich noch an ihren Vorteil dachten, wo andere bereits berechtigt um ihre Existenz bangten.

Allen Verschwörungstheorien zum Trotz: die Welt war bereits seit einigen Wochen nicht mehr so, wie sie einmal war, und egal, ob der Virus in einem Labor gezüchtet oder irgendwie aus dem All gestreut war, egal, egal, alles egal: war die Welt nicht mehr so wie sie vorher war.

Würde der Egoismus siegen? Oder würden die Menschen gemeinsam an den auf sie zurollenden Herausforderungen wachsen?

Das waren die Fragen, die sie beschäftigten, während sie die Isolation zu Hause akzeptierte, weil sie nie wissen konnte, ob sie nicht vielleicht schon Überträgerin war, obwohl sie (sicht- und fühlbar) keine Symptome aufwies. Die Zähne zusammenbiss und Regeln so gut befolgte, wie sie konnte, um jegliches Risiko zumindest zu verringern, wennschon es kein Mensch wirklich vollständig vermeiden konnte.

Was ihr am meisten zu schaffen machte dieser Tage, waren Ignoranz und Egoismus.

Sonst: saßen sie alle im selben Boot, oder?

Es ging nicht nur um Geduld zum Aussitzen der Situation, sondern auch um Geduld mit- und füreinander. Denn jede/r hatte Gründe, dann und wann die Nerven zu verlieren (auch sie selbst).

Ausdauer, Hingabe, Weitsicht, Empathie gepaart mit Vernunft, Urvertrauen.

Sie wiederholte sich diese Worte wie ein Mantra, sie selbst durfte sie nicht vergessen.

Es war die Zeit, in der die Entscheidung getroffen wurde, wer man wirklich sein wollte. Es ging um die Überwindung der eigenen, persönlichen Ängste und die Erhaltung der Menschlichkeit in ihrer schönsten Form: der Hingabe.

Die bedeutet manchmal kein aktives Tun sondern: Rückzug ins Selbst, Kommunikation mit der eigenen Seele und dem, wofür sie als Verbindung diente.

Es würde die Zeit kommen, in der die Menschen einander wieder unbesorgt begegnen, berühren, umarmen usw. konnten. Sie stellte sich das immer wieder vor: die Freude darüber, und wie schön jedes Zusammentreffen sein würde, und wie bewusst ihr die Fragilität des DaSeins war und wie wenig selbstverständlich vieles ist, wie wertvoll Zusammenleben war, und wie die Menschen einander nicht nur bedingten, sondern wirklich brauchten.

***

On the way to work. Her precious companion, the bicycle.

 Car drivers and cyclists, who increasingly mistook the rather empty (not as empty as she had expected) roads for race tracks.

She wondered whether they really were in such a hurry, or didn’t they realize the seriousness of the situation?

It took her three times as long with the bike. In the evening even longer, because she was tired and drove more carefully.

She noticed that there were people who were devoted to what they were doing and those who actually still thought of their own advantage where others were already justifiably worried about their mere existence.

Despite all the conspiracy theories: the world wasn’t anymore the way it used to be several weeks ago, and no matter whether the virus had been bred in a laboratory or somehow scattered from space, no matter, no matter, all the same: the world was no longer the way it was before.

Would selfishness triumph? Or would people grow together in the challenges that lay ahead?

These were the questions that preoccupied her mind while she accepted the isolation at home, because she could not know whether she may not be already a carrier for a long time, although she (visibly and perceptibly) showed no symptoms. She gritted her teeth and followed rules as best she could to at least reduce any risk, even though no one could really avoid it completely.

The things that bothered her most these days were ignorance and selfishness.

Otherwise, they were all in the same boat, weren’t they?

It was not only about patience to sit out the situation, but also about patience with and for each other. Because everyone had reasons to lose their nerves now and then (including herself).

Perseverance, dedication, foresight, empathy paired with reason, basic trust.

She repeated these words like a mantra, to not forget them herself.

It was the time when the decision was made who one really wanted to be. It was about overcoming one’s own personal fears and maintaining humanity in its most beautiful form: dedication.

This sometimes means not doing anything actively but: retreating into the self, communicating with one’s soul and what it served as a connection to.

The time would come again when people could meet, touch, embrace, etc. without worries. She imagined this again and again: the joy of it, and how beautiful every meeting would be, and how aware she was of the fragility of existence and how little is taken for granted, how valuable living together was, and how people not only conditionally, but really needed each other.

© Silvia Springer

Magnolie am 20.3.2020 in Wien
© Silvia Springer

 

 

 

 

 

2 Kommentare Gib deinen ab

  1. Redwolf sagt:

    Thank you Silvia 🙏🌏💗🌱🦅

    1. diespringerin sagt:

      🙏🌏🌎🌍🌿🌳💚

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