Kindheitszauber

Dreamy trees-1

Rätselhafte Welt, in der Kinder heranwachsen, deren Sinne so offen sind, dass sie noch Dinge wahrzunehmen vermögen, welche den meisten Erwachsenen bereits verschlossen sind. Diese sind oft nicht einmal mehr in der Lage, sich an die Erlebnisse ihrer frühen Tage zu erinnern. Waren manche davon zu unheimlich, sodass sie verdrängt werden mussten? Die Ereignisse lösten Ängste aus, rührten an tief verborgene Bereiche in der Seele, waren weder rational zu verarbeiten noch logisch zu erklären.

Einige von ihnen scheinen auf eine Verwobenheit verschiedenster Zeitebenen und Räume hinzuweisen: auf die Ewigkeit als einer Art Matrix, welche die einzelnen Leben so vieler Arten und Wesen in sich trägt, ja, die gesamte Materie umfasst. An diese Ereignisse erinnert sich der Erwachsene überhaupt nicht mehr und wenn, dann nur in diffusen Träumen. Sie werden meistens mit einem Achselzucken und einem Lächeln abgetan. Was sonst könnte man tun? Setzte man sich mit ihnen ernsthaft auseinander, würde das womöglich das Ende der geistigen Gesundheit bedeuten – oder vielmehr dessen, was wir darunter verstehen: Normalität.

Gretchen ging durch den Wald, selbstvergessen, träumend, selig vor sich hin summend. Sieben Jahre alt, noch nicht allzu gezähmt durch die Maschinerien der Gesellschaft, erlebte sie die Sommerferien des Jahres 1971, als würden acht Wochen die Ewigkeit bedeuten, endlos lange Zeiträume, die sich vor ihr erstreckten. Sowohl Herbst als auch Schulbeginn lagen in weiter Ferne, beunruhigten nicht. Jetzt war Sommer, der eben erst begonnen hatte, vor wenigen Wochen, viele weitere Wochen andauernd, zahllos. Und noch mehr Tage raunten die köstliche Verheißung verzauberter Augenblicke zu. Ach, wunderbar.

Sie trabte auf dem Holzweg entlang, der vom Haupthaus wegführte, vorbei an der alten Scheune und dem Kuhstall, dem Gemüsegarten, in dem sie ihre Großmutter werken sah, dem Apfelbaumhain. Sie hörte das Summen und Brummen der Insekten, der Bienen und Mücken, die in beweglichen Schwärmen wie filigranes Gespinst über dem Weg hingen und ihr Gesicht kitzelten. Die Grillen zirpten, die Vögel zwitscherten fröhlich. Das Gras duftete, das frisch gemähte, und nahm ihr fast den Atem. Dazwischen wogte der modrige Duft der Erde, der holzige der Baumstämme, des würzigen des noch saftig-grünen Laubes. Die Sonne schickte gleißende Strahlen durch das Geäst, der Wind strich durch die Wipfel, alles schimmerte, dampfte, sandte Botschaften an die Sinne, bedeutungsschwer, ineinander verwoben, geheimnisvoll.

Da, wo der Wald begann, rechter Hand, lockten dunkle Stellen, drang das Licht nicht hindurch. Linker Hand breiteten sich sanft ins Tal sinkende Felder aus, erstreckten sich in weitläufigen rechteckigen, goldgelben im Winde schwingenden Ährenmustern bis zur Straße hin. Diese schlängelte sich weit weg durch die Landschaft. Sanfte, bewaldete Hügel schmiegten sich an den Horizont. Da und dort, in großer Entfernung, konnte man andere Bauernhäuser sehen. Gretchen schaute und schaute, ging am Materl vorbei, das am Wegrand stand, summte, vertiefte sich in den Anblick einzelner Blumen und Gräser, staunte über Schmetterlinge, die sich sogar für den Bruchteil einer Sekunde auf ihrer ausgestreckten flachen Hand niederließen. Sie war ein Stadtkind, für sie schien alles wundervoll, bezaubernd, besonders. Der Wald bedeutete Wildheit, Freiheit und Geheimnis. Da konntest du mit den anderen auf Abenteuersuche gehen oder dich verbergen, je nachdem.

Sie merkte nicht, dass sie immer tiefer in den Wald hineintauchte, der Weg machte einen Bogen, führte weg vom Hof ihres Onkels und den Feldern, hinein zwischen die großen Stämme der Bäume. Hier war es kühler, feuchter. Das Geräusch des vorbeifahrenden Postautobusses klang gedämpft, als würde er unter Wasser brummen. Jede sanfte Wegbiegung lockte weiter in den Wald, schien etwas zu verheißen: es könnte sein, dass dieses Verheißungsvolle hinter jener Krümmung auftauchen würde, sich zeigte.

In der Tat trat Gretchen schließlich auf eine Lichtung, die im goldenen Sonnenlicht eines trägen Sommernachmittags lag. Ein kleines Häuschen wurde sichtbar, aus Holz, mit einem Gartenzaun darum, hinter dem Hühner friedlich glucksend und gackernd nach Körnern im Boden scharrten und pickten. Die Blumenbeete leuchteten in den schönsten Bauernblumenfarben. Das Gras neigte sich saftig grün zur Erde. Aus dem Schornstein des Hauses erhob sich weißer Rauch und kräuselte sich wie fein geklöppelte Spitze in den blassblauen Himmel hinein. Die Glasscheiben blitzten sauber, Zeugen arbeitsamer Rechtschaffenheit, mit rot-weiß karierten Vorhängen hinter den Fensterkreuzen. Die Haustüre, zu der drei steinerne Stufen führten, stand weit offen.

Gretchen bot sich ein Anblick friedlicher Harmonie, sie konnte es regelrecht spüren, wie willkommen sie war, wie stimmig dieser Ort. Etwas in ihrem Kopf begann zu summen, sie reckte den Hals, setzte wie ein scheues Wild einen Fuß vor den anderen, ging auf das Haus, die einladende Eingangstüre zu. Es war Gretchen, als zöge das Innere des Gebäudes sie an, als hörte sie das Wispern und Flüstern von Stimmen.

Sie erreichte die Stufen. Blickte hinein: sah in der Mitte des Raumes einen einfach gezimmerten Holztisch stehen, mit einem blau-weiß gemusterten Tischtuch darauf, das Geschirr stand da, als hätten sich die Bewohner soeben erst erhoben und das Haus verlassen. Da gab es einen Brotkorb, gefüllt mit Scheiben duftenden, selbst gebackenen Brotes mit dunkler Rinde, eine blaue Blechkanne, in der üblicherweise der Malzkaffee gebraut wurde, große Keramiktassen, einen Krug Wasser, zwei oder drei Gläser. Im Ofen an der linken Wand bullerte das Herdfeuer fröhlich vor sich hin. In der mittleren Wand, hinter dem Tisch, führte eine weitere Türe in einen anderen Raum, sie war einen Spalt breit geöffnet. Und links, da stand ein einzelnes Bett, ebenfalls aus Holz, mit zurückgeschlagener Tuchent zum Lüften der Matratze. Alles machte einen ärmlichen, aber ungemein sauberen Eindruck.

Der Geruch des Malzkaffees schien Gretchen verführen zu wollen, ebenso das dunkle Brot und das Glas roter Marmelade, der Farbe nach mochte es sich um Himbeere oder Erdbeere handeln. Sie verspürte den Drang, das Haus zu betreten, schien angezogen von seinem Inneren, als hörte sie ein Raunen, das sie einlud, doch hereinzukommen. Sie war bereits in Begriff, die erste der Stufen zu erklimmen, als sie in der Bewegung innehielt, wie ein Storch auf einem Bein, das andere Knie hochgezogen, stehen blieb und inmitten dieser konkret empfundenen Anziehung das genaue Gegenteil zu spüren glaubte: „Halt! Geh nicht hinein! Auf keinen Fall tritt ein!“

Ein Befehl, der aus ihrem eigenen Inneren zu kommen schien, dem sie augenblicklich gehorchte, sie wusste nicht, warum. Der Sog hinein war so friedlicher Natur gewesen, dass diese Weisung schon eher wie eine Drohung klang, aber instinktiv wusste Gretchen, sie müsse ihr unbedingt folgen. Sie senkte das Knie, ihr schwebender Fuß berührte wieder sicheren Boden. Sie warf noch einmal einen Blick in das Haus, fast sehnsuchtsvoll, aber: man betrat fremde Wohnungen nicht ungebeten. Es war ja niemand da, der sie persönlich dazu aufforderte. Also seufzte sie auf, drehte sich langsam um, ging am Gartenzaun vorbei, auf demselben Weg zurück, auf dem sie gekommen war, sah noch einmal zurück zu den Hühnern, dem Haus, dem rauchenden Schornstein, den blitzsauberen Fenstern. Wanderte zurück zum Hof ihres Onkels, widmete sich wieder den Eindrücken, die der Wald im Sommer so bot, vergaß beinahe das soeben Erlebte.

Nach einer Weile kam sie zu Hause an und sah ihre Großmutter im Gemüsegarten jäten. Sie hüpfte zu ihr hin, sie begrüßten einander. Die alte, dünne, bucklige Frau mit den knorrigen Arbeitshänden, dem dunklen Kleid aus groben Leinen und dem Kopftuch aus weißer, weicher Baumwolle ließ für ein paar Augenblicke von ihrem Tun ab, um sich dem Kind zu widmen, das sich vor ihr aufpflanzte und sie fragte, wer denn „da hinten“ wohne. Die Alte wirkte für einen Augenblick irritiert, sah Gretchen noch aufmerksamer an.

„Wo meinst, dass jemand wohnen soll?“ fragte sie nach.

„Na, da hinten eben, wenn man dem Weg folgt. In dem Haus dort im Wald“, erwiderte das Mädchen harmlos und zeigte mit der Hand in die Richtung. Der Blick ihrer Großmutter folgte dieser Bewegung. Sie wirkte etwas überrascht.

„Da wohnt niemand!“ erklärte sie.

„Oja, da wohnt jemand“, entgegnete Gretchen selbstsicher.

„Wie kommst du darauf?“ fragte die alte Frau, mit einer gewissen Spannung in der Stimme. „Das Haus steht schon seit Jahren leer und verfällt schön langsam!“

Gretchen verstand nicht.

„Aber ich habe das Geschirr auf dem Tisch gesehen. Ich habe den Malzkaffee gerochen! Und da war ein Bett mit einer großen Tuchent. Und Hühner liefen im Hof herum. Die Türe war weit offen!“ erklärte sie mit Nachdruck.

Die Großmutter blickte sie nachdenklich an und murmelte „So, so!“

Wiegte den Kopf. Überlegte. Traf einen Entschluss.

„Wir gehen jetzt beide dahin. Und schauen uns das an.“

Sie nahm Gretchen an der Hand, gemeinsam spazierten sie den Weg entlang. Die Zeit verging im Flug, während die alte Frau die Geschichte eines Ehepaares erzählte, das einst in diesem Haus gewohnt hatte. Magd und Knecht, die dort Unterkunft fanden, denn viel Lohn konnten sie ihnen in jenen Tagen nicht zahlen, aber zu essen gab es immer, und gleichwohl viel mehr Arbeit. So hätte jeder Teil das gehabt, was nötig war, redlich zu leben. Das Paar hatte ein Kind, einen Sohn, den sie allerdings sehr früh durch die spanische Grippe verloren. Ihr Herz war schwer verletzt, der Mann lebte noch einige Jahre, bevor auch er starb, sein Lebenswillen war schließlich gebrochen. Die Frau überlebte Sohn und Mann um Jahrzehnte. Irgendwann, vor langer Zeit, starb auch sie – eine verdiente Magd, geschätzt und geliebt von allen, die sie kannten, die mit ihr lebten, vor allem die von den Kindern. Seither stand das Haus leer. Heutzutage würde niemand so ganz ohne jeden Komfort leben wollen.

Gretchen lauschte gespannt. Konnte das sein? Sie verstand nicht recht. Sie erreichten das Haus: ein Ort, an dem ein verarmtes Dornröschen ihren hundertjährigen Schlaf hätte halten können. Die Fenster mit Holzplanken vernagelt, die Eingangstüre verschlossen und verriegelt, der Schornstein stumm und rauchlos in den Sommerhimmel ragend. Die ganze Keusche von Büschen umrankt, efeuverwachsen. Der Garten verwahrlost, nein, völlig verwildert. Keine scharrenden Hühner. Der Zaun schwankend und haltlos. Ein verwaister, ja lebloser Ort. Unfassbar, Gretchen stand da an der Hand ihrer Großmutter, Augen so groß wie Wagenräder. Sie hielt den Atem an. Und es war doch gewesen! Was immer es war, es war gewesen. Die Großmutter schaute auf das Haus, auf die Enkelin. Das Mädchen begann zu schweigen.

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