Amsterdam – die Springerin auf Reisen … (1)

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Sie reiste in der Walpurgisnacht – der richtigen, gemäß dem Stand des Mondes, nicht des Kalenders – los. Als der Flieger über der Stadt kreiste, um zur Landung anzusetzen, hing er – der Mond, nicht der Flieger – rund, schön, ernst, weiß und sagenhaft stumm am Himmelszelt und verhieß, so beschloss die Springerin, nur Gutes. Das Wetter sollte ja angeblich nicht so berauschend werden. Was dieses Mal ein kleines Problem wäre, denn sie hatte nicht wirklich passende Schuhe dabei. Sie war nicht mehr dazu gekommen, sich welche zu besorgen, obwohl das schon lange auf dem Plan stand, denn sie wusste ja, die letzten für diese Art von Unternehmungen waren ihr eingegangen – vor dem Winter. Obwohl der so lange andauerte dieses Jahr, hatte sie keine Zeit gefunden … und Winterschuhe wollte sie allerdings auch nicht mehr tragen. Nun denn, dachte sie, in Amsterdam gäbe es sicher auch gutes und vor allem für feuchte Wetterlagen prädestiniertes Schuhwerk zu erstehen.

Aber in der Walpurgisnacht sah es noch gut aus. Die Landung verlief sanft und routinemäßig, die Wanderung zum Gepäcksband zügig. Bis sie das richtige fand dauerte schon etwas länger, weil sie nicht sogleich eine Tafel mit den entsprechenden Informationen fand. Und kein Personal weit und breit, das man fragen konnte. Sie fragte einen dunkelhäutigen älteren Mann, den sie im Flugzeug gesehen hatte, ob er wüsste, dass er vermutlich vor dem falschen Band stand, da dieser das Gepäck des Fliegers der Austrian Airlines und nicht der KLM – jenem, mit dem sie geflogen wären – bringen würde. Er wiegte zweifelnd den Kopf. Sah sich verloren um, hob ratlos die Schultern … sie zog los, fand die Informationen und gemeinsam starteten sie den nächsten Sprint zum richtigen Gepäcksband, ungefähr einen Kilometer entfernt. Gut, das war jetzt ein wenig übertrieben.

Kaum angekommen, fand er seinen Koffer, der soeben dem Rachen des Gepäcksdrachen entsprang. Er war glücklich, sie wünschten einander alles Gute und er entschwand. Die Springerin musste etwas länger warten. Sie überlegte währenddessen, was sie wohl getan hätte, wäre sie zwanzig Jahre älter und nicht mehr so flott auf den Beinen und so rasch im Kopf. Merkte sie doch bereits jetzt schon jedes Jahr, wie sehr sich ihre Materie gegen die Geschwindigkeit aufbäumte, nein, sich einfach niederlegte, manchmal.

Wäre sie dort gestanden, hilflos, bis der Flughafen schloss? Hätte sie jemand gefunden und sich ihrer erbarmt? Vermutlich, dachte sie, willens, wirklich willens, optimistisch in die Zukunft zu blicken, trotz kolportierter Tristesse. Wir stehen ja am Abgrund der Zeit. Der Untergang ist nahe. Die Menschen sind schlecht. All die Kriege, die globale Flucht, und überhaupt. Der Hass. Die Angst. Und vor allem: diese rasende Geschwindigkeit!

Am nächsten Morgen, als sie an der Centraal Station ausstieg und eintauchte in die Altstadt, war sie vom Touristenschwall überwältigt. Sie sah die bezaubernden Häuser und Grachten und dennoch fehlte ein gewisser Zauber. Wo waren die Amsterdamler? Gab es das Wort überhaupt? Hieß es richtiger „Amsterdamer“? Oder einfach die Bewohner Amsterdams?

Sie hatte unsagbares Glück, das Wetter war traumhaft. Die Sonne schien, es war warm. Sie ließ sich ein. Tourismus hin oder her. Sie ließ sich treiben. Ihre Schritte würden sich wenden, sie würde finden. Alles war gut. Sie hatte sich selbst diese Reise zum Geburtstag geschenkt. Wie immer handelte es sich um eine Reise zu sich selbst. Mitten hinein, dort wo es vielleicht ein wenig weh tat, um zu erkennen, dass es die Schönheit immer noch gibt. Denn, das war ihr wichtig: im Grunde gibt es nur Schönheit. Im Grunde. Im tiefen Grund.

Fortsetzung folgt.

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9 Kommentare Gib deinen ab

  1. Und das ahnen auch alle, die aus Berufung oder von Berufs wegen in der Walpurgisnacht zusammenkommen und ihre Süppchen kochen, um der Sache auf den Grund zu kommen. Die Sprache hilft, den Zauber zu durchschauen: kein verdammter Amsterdammler steckt wirklich in dem Wort, mit dem wir ihn ansprechen. Aber in der Schönheit, die wir in ihm sehen.
    Eine wundervolle Reise wünscht
    Michael

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    1. Ganz genau :o) danke herzlichst und ganz liebe Grüße zurück!

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  2. Alles hat seine Zeit. Auch die Geschwindigkeit.

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    1. Genau. Und jedes Wesen seine eigene …

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  3. An die Entschleunigung der Zeit gewöhnt man sich und mit mit Gelassenheit meistert man das auch 😉 Ich kenne die Suche nach den Einheimischen auch von meinen Besuchen von Strasbourg. Nur unter der Woche, wenn wenige Fremde unterwegs sind, kann man den Takt und den Atem der Stadt fühlen.

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    1. Ja, immer dorthin gehen, wo der touristenstrom abbiegt … und eintauchen … ist ein bissel wie hogwarts ….😊😎

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  4. Carlo sagt:

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