Bloß Quarantäne-Gedanken / Just Quarantine-Thoughts

Fensterbrett  © Silvia Springer
© Silvia Springer

Please find English translation below.

Keine Handschuhe. Dafür ein paar Masken für den Freund mit MS. Danach fühlte sie sich eine Spur besser. Sie fühlte sich nicht schlecht. Sie wusste nur, es ging ihr gut, sie konnte schnell reagieren, wenn es erforderlich war, das konnten einige, viele nicht.

Es mochte sein, dass irgendwelche irdische oder von ihr aus außerirdische Mächte die vollständige Kontrolle über alle Individuen planten. War es so, konnte sie vermutlich nicht viel dagegen tun, war es nicht so (und sie vermutete zweiteres stark), wäre all der Widerstand vergeudete Energie, so, als würde man bei offenen Fenstern und Türen die Heizkörper aufdrehen.  Sie hielt auch nichts von Widerstand gegen den Widerstand. Alles Erscheinungen in der Zeit, die sie versuchte, an sich vorüberziehen zu lassen.

Konnte man ihr vorwerfen, sie sei unrealistisch? Natürlich. Andererseits war sie noch nie unkritische Mitläuferin und Erfüllungsgehilfin gewesen und hatte doch schon einige globale Krisen miterlebt, mehr oder weniger bewusst, mit mehr oder weniger Handlungsspielraum für den einzelnen Menschen.

Wenn sie die Gelegenheiten hatte, in die Augen derer zu schauen, die alle möglichen Dinge veröffentlichten, von Verschwörung sprachen, Gehirnwäsche, Manipulation etc. und den missionarischen Eifer sah … , wenn sie in deren Predigten Begriffe durch andere ersetzte, die von deren Gegnern stammten – stellte sie mit Schaudern fest, dass abgesehen von diesen Begriffen die Energie, der Inhalt, die Aussage praktisch … identisch waren, diese nicht wirklich erkennen ließen, um welche Gruppierung es sich gerade handelte.

Eifer war noch nie ein guter Ratgeber gewesen, fand sie. Überheblichkeit ebensowenig. Manche wussten gar nicht, dass sie aus einer privilegierten Position heraus die Welt wahrnahmen und glaubten, die Weisheit mit goldenen Löffeln zu verspeisen und auszuteilen.

Die Welt war ein seltsam vielfältiger Ort. Einer,  an dem sich vor allem das Ego abschleifen konnte, wenn man so wollte. Einer, in der sich das Ego durchsetzen konnte, wenn es das wollte. Einer, der jegliche Situation als Möglichkeit der Sinneserweiterung, der Ausdehnung eines unendlichen Geistes interpretieren konnte, einer, der unglaublich feindselig wirken und Angst machen konnte, aber auch einer, in dem Liebe und Glaube Berge versetzten und neue Wege erkennbar werden ließen.

Sie trug Masken an bestimmten Orten und zu bestimmten Zeiten um jene zu schützen, die grade schwächer waren als sie, in der Hoffnung, dass vielleicht irgendwann in der Zukunft ein junger Mensch ebenso zärtlich mit alten Menschen umging, wie sie es in ihrer Jugend einst getan hatte. Sie war angewiesen auf das Mitgefühl der anderen und würde nicht geizen mit ihrem Mitgefühl für andere, die aus welchen Gründen auch immer in einer Position der Schwäche waren.

Schwachsein kann Stärke herausfordern, und echte Zärtlichkeit drängte sich niemals auf. Sie fand statt, wann immer sie nötig war.

Alles andere war Humbug. Aber das anzunehmen … überlegte sie in ihrem Herzen, war wohl Überheblichkeit. Sie lächelte, und es blieb ein Geheimnis, ob sie in diesem Moment eine Maske trug oder nicht.

***

No gloves. But a couple of masks for the friend with MS. It made her feel a little better. She didn’t feel bad. She only knew she was fine, she could react quickly when necessary, but some, many could not.

It might be that some earthly powers or alien forces planned to take complete control over all individuals. If that was the case, there probably wasn’t much she could do about it, if it wasn’t (and she suspected the latter strongly), all the resistance would be wasted energy, like turning up the radiators with open windows and doors.  She didn’t think much of resistance to resistance either. These were all phenomena in time she tried to let pass her by.

Could she be accused of being unrealistic? Of course. On the other hand, she had never been an uncritical follower and vicarious agent, and yet she had experienced several global crises, more or less consciously, with more or less room for manoeuvre for the individual.

When she had the opportunity to look into the eyes of those who published all kinds of things, talked about conspiracy, brainwashing, manipulation etc. and saw the missionary zeal … when she replaced terms in their sermons with others that came from their opponents – she found with shudder that apart from these terms, the energy, the content, the messages .. were practically identical, they did not really show which grouping was involved.

Zeal had never been a good advisor, she thought. Neither had arrogance. Some didn’t even know that they perceived the world from a privileged position and believed they were eating wisdom with golden spoons and handing it out.

The world was a strangely diverse place. One where the ego, if you like, could be sanded down. One in which the ego could assert itself, if it wanted to. One in which anyone could interpret any situation as a possibility of expanding one’s mind, the expansion of an infinite spirit, one which could seem incredibly hostile and cause fear, but also one in which love and faith moved mountains and made new paths visible.

She wore masks in certain places and at certain times to protect those who were just now weaker than her, hoping that perhaps at some point in the future a young person would treat old people as tenderly as she had once done in her youth. She was dependent on the compassion of others and would not be stingy with her compassion for others who were in a position of weakness for whatever reason.

Weakness can challenge strength, and true tenderness never forced itself upon anyone. It took place whenever it was needed.

Everything else was nonsense. But to say this… …she pondered in her heart, was of course arrogance. She smiled, and it remained a secret whether she was wearing a mask at that moment or not.

© Silvia Springer

 

3 Kommentare Gib deinen ab

  1. dwege sagt:

    liebe Silvia, spitze, subtil und zuleich klar. das subjekt erlebt sich als objekt einer medialen hysterie, deren folgen schlimmeres befürchten lassen als die quarantäne.
    bin seit einer stunde wach, mir selbst geht’s gut, seele, körper, verstand ( differenziere geist, ratio, gefühl, vernunft ).
    da tut es mir auch im gefühl so richtig gut, dich zu lesen – damit bin ich weniger allein in diesem vaccum der massnahmen und des auch innerlichen abstand haltens.

    1. diespringerin sagt:

      Das freut mich sehr zu lesen, so früh am Morgen, mehr, als du dir vielleicht vorstellen kannst (doch, du kannst, … ) … herzliche Grüße aus Wien! Himmel so blau wie nur war.

      1. dwege sagt:

        kann dich mir vorstellen, nicht „es“… 🤗

Kommentar verfassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.