Das Leben geht weiter

2016-01-18 16.10.53Bei einem unserer letzten Spaziergänge, die ich mit Eda unternahm, hörte ich beim Verlassen des Parks ein Käuzchen schreien: „Kiwit, kiwit!“ Mein Herz wurde schwer. Ich lugte zu Eda, wusste nicht, ob sie den Ruf wahrgenommen hatte. Sie unterbrach ihre Rede nicht. Ich schwieg. Ich wischte den Aberglauben aus meinem Gedächtnis und konzentrierte mich wieder auf unser Gespräch.

Es war bereits dunkel, wir hatten zuvor erlebt, wie die Sonne im Westen der Stadt unterging. Der Himmel war in Flammen gestanden, die rotgoldenen Strahlen hatten sich üppig über den Wienerwald ergossen. Wir saßen auf einer Bank und blickten ins Tal. Ich war dankbar, diese Stunden mit ihr verbringen zu können. Wir wussten beide, Zeit ist kostbar.

Die Art, wie Eda ihr letztes Jahr verbrachte, beeindruckte mich zutiefst, lehrte mich einmal mehr, das Wesentliche zu betrachten und zu leben. Sie klagte nicht. Sie bewies Mut und Humor. Sie nahm ihr Schicksal an und hörte nicht auf, das Leben zu lieben, zu zeigen, wie wunderbar sie es fand. Sie war dankbar für jeden neuen Tag, jede neue Erfahrung. Es erfüllte sie mit Erstaunen, wie viele Menschen sie wirklich liebten. Sie war ein besonderer Mensch, das war ihr, glaube ich, nicht bewusst.

Auf diesem Spaziergang sprachen wir über das Leben, die Liebe, unsere Ahnen und wie diese auf unser Schicksal wirkten, wie verwoben wir miteinander waren, wie Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft untrennbar verknüpft sind. Alles geschieht Jetzt.

Sie hoffte selbstverständlich auf ein Wunder. Sie wollte leben, wieder gesund werden. Sie kämpfte um ihr Leben mit einer stillen Würde, ohne Verbissenheit. Ja, sie hoffte bis zuletzt. Obwohl sie alles wusste. Im Grunde gibt es keinen Widerspruch.

Ihr im Licht der untergehenden Sonne gegenüber zu sitzen und ihr schelmisches Lächeln zu sehen oder einfach nur neben ihr zu stehen und den Himmel zu betrachten war wie ein Geschenk. Nein, nicht  WIE, es WAR ein Geschenk. Ich bin unendlich dankbar, dass ich Teil ihres Lebens sein konnte.

Auf meinem gestrigen therapeutischen Spaziergang (ja, ich befinde mich auf dem Weg der Genesung, langsam aber stetig, gut Ding braucht eben Weile) glaubte ich Eda in zwei oder drei entgegenkommenden Spaziergängerinnen zu erkennen. Jedesmal fing ich an zu strahlen und wollte schon „Grüß dich, Liebe!“ rufen, als mir bewusst wurde, dass ich einer Sinnestäuschung unterlag. Natürlich riss der Verlust ein Loch in mein Leben. Ich merkte, wie ein Eisblock in meinem Inneren zu schmelzen begann, ich weinte, vermisste sie. Ich vermisse sie auch jetzt.

Dieses neue Loch in meinem Inneren: ein weiterer Spalt, durch den das Licht hereinströmen kann. Wovor eigentlich haben wir solche Angst?

Sterbende, die am Ende loslassen können, sind völlig durchlässig. Dadurch sind sie Träger des Lichts. Sie strahlen und leuchten. Ja.

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