Ein Verdauungsspaziergang

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Ich bin seit über einer Woche wieder in Wien. Noch immer stehe ich gewissermaßen unter Schock. Ich werde lange brauchen, um alle Eindrücke zu verdauen. Die Reise war mehr als ein touristisches Unternehmen.

Bereits als ich mich dazu entschloss, wusste ich, dass es sich im Grunde um eine Art Pilgerschaft handelte, einen Aufbruch der Seele zu sich selbst, um sich zu verbinden mit dem, das alles in sich hält und trägt. Nein, das ist nicht richtig formuliert. Es muss heißen: um sich wieder einmal daran zu erinnern, dass es so ist, denn bei aller gefühlter Fremdheit und Isolation ist es niemals möglich, aus dem Ganzen herauszufallen.

Politische Umbrüche dieser Tage wurden zwar am Rande wahrgenommen, waren allerdings nichts weiter als Erscheinungen des Geistes, ebenso wie die Gefühle der scheinbaren Isolation. Viel Lärm um Nichts? Nein, einfach: Erscheinungen im Geschehen. Wie die Wolken am Horizont tauchen sie auf und verschwinden wieder.

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Sie nicht wahrzunehmen bedeutet so viel wie sich gar nicht bewusst zu sein. Sich selbst nicht bewusst zu sein bedeutet wiederum, nicht in der Lage zu sein, die Schönheit wahrzunehmen, die ebenso vor einem liegt. Die Schönheit zu sehen bedeutet: sich selbst zu sehen. Ja. Und nimmst du die Schrecklichkeiten wahr, bedeutet das ebenfalls: sich selbst zu erkennen.

Ich führe ein Selbstgespräch: ich murmle das vor mich hin wie in einem Gebet, einer Meditation. Ich adressiere niemanden als mich selbst. Adressiere ich niemanden als mich selbst?

Es tat gut, sich einmal bewusst auszuklinken aus dem alltäglichen Geschehen und den Erfordernissen, welche dieses an die Seele stellt. Mein persönlicher Tanz zwischen Passivität und Aktivität hatte jegliche Anmut verloren, ich bewegte mich erschöpft wie eine Marionette. Wenn das der Fall ist, sind klare Urteile nicht mehr möglich, Einschätzungen, wann ich handeln oder etwas lassen muss. Alles sehr menschlich und verzeihlich. Aber ich wusste: ich kann nichts mehr tun, ich kann mich nur mehr beeindrucken lassen und im schlimmsten Falle sterbe ich vor meiner Zeit, wenn ich nicht gut auf mich schaue: egal, wie furchtbar und aufregend die Ereignisse sind, die sich gerade in der Welt, in meiner Umgebung abspielen.

Ich war zu einer äußerst hilflosen Helferin geworden.

Und weigerte mich, von der Hässlichkeit verschluckt zu werden. Bei aller Schwäche: weigerte ich mich, von der Hässlichkeit allein verschluckt zu werden. Ich begab mich auf die Suche nach der Schönheit, die immer AUCH da ist. Die gerade in Zeiten der Hässlichkeit nicht vergessen werden darf. Wie in Zeiten der Schönheit immer das Bewusstsein um die Möglichkeit des Hasses vorhanden sein muss: um das Gleichgewicht zu wahren.

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Ich hatte ein Plan, allerdings einen, der schon oftmals geändert werden musste. In Wahrheit fuhr ich ins Blaue hinein, ohne Wegweiser. Ich stieg ins Flugzeug, landete und kam wirklich an. Im Grunde hatte ich nur das Flugticket, das ich bereits Wochen vorher – einen völlig anderen Plan im Kopf – gebucht hatte. Und ein oder zwei Vorstellungen davon, was ich tun könnte, wenn …

Es kam natürlich alles anders und doch so, wie es unvermeidlich war. Manchmal gibt es das. Nicht immer. Aber in diesem Fall doch.

Ich ergab mich dem Geschehen, welches sich ohne mein Zutun, lediglich durch meine Anwesenheit entfaltete. Ich bettete mich ein, nahm die Erlebnisse aufmerksam und dankbar an. Es gelang mir, ich weiß nicht wie, ich weiß es wirklich nicht, loszulassen von bestimmten Vorstellungen: wie etwas gefälligst zu sein hatte. Denn, es musste irgendwie alles ganz anders kommen und es war so gut wie nichts, was ich jemals herbeiimaginieren hätte können.

Das war wohl das Ergebnis einer langen Entwicklung, die dem zugrunde lag. Der Samen, aus dem eine Blume wurde, ein Baum, eine Frucht, etwas Sichtbares, sinnlich Erlebbares, ja, Beweisbares, wenn du so willst.

Es mag aufregendere, spektakulärere Reisen als die meine geben. Aber für mich war die meine eine Fahrt nach Hause. Ich begegnete meiner wahren Familie.

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Diese Reise öffnete mir die Augen, nicht nur die offensichtlichen, sondern auch die meiner Seele, meines Geistes, anderer Ebenen. Ich wurde geküsst von Ahnen, die ich wieder fand, weil ich meiner echten Sehnsucht, die ganz tief vergraben in meiner Seele ruhte, die tatsächlich unbeeinflusst war von allem, was mir jemals widerfahren war, schlummerte, bis sie … doch zu meinem ganz persönlichen Wegweiser wurde, dem ich unbeirrt und ohne zu zögern folgte und weiterhin folge.

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Wohin die nächsten Schritte führen werden, weiß ich noch nicht, noch … befinde ich mich auf dem notwendigen Verdauungsspaziergang. Ich liebe diese Reise. Und ich liebe die Welt.

Das ist mir gerade wieder klar geworden. Das ist mir gerade wieder sehr, sehr klar geworden.

 

 

 

 

6 Kommentare Gib deinen ab

  1. :o) Danke, Vroni! Bist ein Schatz!

  2. rass veronika sagt:

    Die Bilder sind ein Hammer

  3. Vielen herzlichen Dank für deine so freundlichen Worte :o), ich freue mich wirklich sehr! Schön, dich begrüßen zu dürfen!

  4. natar91 sagt:

    sehr schöne, herz erwärmende Worte! und deine Fotos zeigen wirklich das Schöne der Erde!:)

  5. :o) thank you, also lover

  6. wildmanpoet sagt:

    Beautiful interpretation from a beautiful photographer, woman, lover.

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