Eine Betrachtungsweise. / A Perspective.

English translation beneath

Sie beobachtete, wie die Frau ihren Faschingskrapfen aß, am Abend eines Tages längst nach Aschermittwoch. In der U-Bahn. Umgeben von Nachhause- oder Sonstwohin-Fahrern, auf einem der Sitze am Gang. Etwas zusammengesunken der schmächtige Oberkörper, eindeutig müde, rechtschaffen, demütig irgendwie, so berührend anmutig in Ergebenheit. Schwarzes Kopftuch unter dem Kinn geknotet, zahnlos der Mund, die Haut voller Linien. Die Augen sanft. Wie sie den Krapfen in der einen Hand hielt, ihrer linken, während sie mit der rechten ein Stück davon abbrach. Sie hatte den Krapfen dort aufgebrochen, wo die Marmelade hervorquoll. Sie achtete sorgfältig darauf, dass sie nicht patzte oder bröselte. Sie brach ein Stück ab und tunkte es vorsichtig in die Marmelade, führte es an ihre Lippen, den Blick, mit dem sie all das tat, konzentriert, geradezu liebevoll auf den Krapfen, die Marmelade gerichtet, sie selbst reine Dankbarkeit. Genoss. Alles an ihr wirkte, als wäre sie einem längst vergangenen Zeitalter enstprungen, in dem Dienstboten abends nach mühvoller Arbeit ihre müden, abgekämpften Körper nach Hause trugen, wie eine schwere Last. Dort ihr Gewand ablegten, um es zu waschen, um es über dem Ofen auf einer Leine aufzuhängen, um es am nächsten Morgen wieder anzuziehen. Sie fragte sich, wie alt die Frau wohl war. Vermutlich jünger. Ihre Augen. Die dunkle Jacke über der dicken Strickweste, über dem Schürzenkleid, dem gemusterten Rock. Den Schnürstiefeln. Sie zelebrierte das Verspeisen auf ihre stille Art. Sie saß inmitten der Menschen, schien daran gewöhnt, eigentlich unsichtbar, nicht beachtet zu sein. Das verlieh ihr eine Ruhe, eine Süße, ja, eine Eleganz, die ergriff, zumindest jene ergriff, die ihr schräg gegenüber saß. Der Krapfen war ihr Fest, ihre Belohnung, ihr Ball, auf dem sie tanzte.

Sie dachte, zumindest in der so genannten „ersten Welt“ gehörten solche Szenen der Vergangenheit an. Sie erinnerte sich an die alten Kriegsversehrten ihrer Kindheit, die von Haus zu Haus gingen und Knöpfe, Scheren, Faden und allerlei Tand anboten. Als der Jüngste von ihnen schließlich irgendwann gegangen war, veränderte sich die Welt, für kurze Zeit. Aber nun. Sie kamen alle wieder aus dem Osten, aus dem Süden. Und ja, auch aus den ebenfalls „so genannten“ eigenen Reihen, denn, denn die Armut wuchs wieder.

Selbst wenn sie sich vielleicht irrte in der Frau. Aber da waren so viele, immer mehr. Sie dachte an alle Underdogs der Welt.

Innerlich heulte sie wie ein Wolf. Underdogs of the World, unite! In Love.

***

She watched as the woman ate her donut, one evening long after Ash Wednesday. In the subway. Surrounded by home- or otherwherebound passengers, on one of the seats at the corridor. Slightly slumped the slender upper body, clearly tired, righteous, humble somehow, and yet so touching graceful in devotion. Black headscarf knotted under her chin, toothless mouth, skin full of lines. Gentle eyes. How she held the donut in one hand, her left, while she broke off a piece with her right. She had broken the donut where the jam was pouring out. She was careful not to to make crumbles. She broke off a piece and dipped it carefully into the jam, brought it to her lips, the look she did to all of it, concentrated, lovingly aimed at the donut, the jam, she herself was pure gratitude. She enjoyed. Everything about her seemed as if it was a leap into a bygone age, when servants carried their tired, weary bodies home after laborious work, like a heavy burden. And there they would take off their clothes to wash, to hang them over the stove on a leash, to put them on again the next morning. She wondered how old the woman was. Probably younger. Her eyes. The dark jacket over the thick knit vest, over the skirt dress, the patterned skirt. The lace-up boots. She was celebrating eating in her quiet way. She sat in the midst of people, as if accustomed to being invisible, ignored. That gave her a calm, a sweetness, yes, an elegance that seized the one who sat diagonally opposite her. The donut was her feast, her reward, her ball on which she danced.

She thought, at least in the so-called „first world“, such scenes were a thing of the past. She remembered the old war-disabled of her childhood who went from house to house, offering buttons, scissors, thread, and all kinds of trinkets. When the youngest of them finally passed on to the other side, the world changed, for a short time. But now. They all came back from the East, from the South. And yes, also from the „so-called“ own ranks, because, because the poverty grew again.

Even if she was maybe wrong in the woman. But there were so many, more and more. She thought of all the underdogs in the world.

Inwardly she howled like a wolf. Underdogs of the World, unite! In Love.

 

 

7 Kommentare Gib deinen ab

  1. 😊😊Herzlichen Dank zurück! Froit mich wirklich sehr! Lieben Gruß auch!

  2. rejekblog sagt:

    Danke! Sehr schön und eindrucksvoll erzählt. Vielen Dank!
    Grüße

  3. hotfox63 sagt:

    Gut gemacht/ Well done

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